Foto: Nikolaisaal Potsdam / Stefan Gloede

Ohrphon – das Hörvermittlungsprojekt aus Potsdam
Das Ohrphon-Projekt ist in Potsdam entstanden. Unter der Leitung von Dr. Andrea Palent, Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin des Potsdamer Nikolaisaals, hat sich ein Team zusammengesetzt und über neue Hörvermittlungsangebote nachgedacht.
Die Idee: ähnlich eines Audioguides im Museum soll eine Stimme die Hörenden durch Proben oder Konzerte führen. Das Ohrphon hat nur einen einseitigen Kopfhörer, so dass das Publikum die Musik im Saal parallel live hören kann.

Heute begleitet Anne Kathrin Meier via Ohrphon die Orchesterprobe des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. Auf dem Programm steht das Konzert für zwei Klaviere und Schlagzeug von Béla Bartók – ein nicht ganz einfaches Werk für unerprobte Konzertbesucher. Im Eingangsbereich der Frankfurter Konzerthalle „C.Ph.E. Bach“ drängeln sich mehrere Schulklassen. Meier stellt sich auf einen Treppenabsatz, um gesehen zu werden und spricht über ihr Headset in die Ohren der jungen Probenbesucher. Die Technik funktioniert, es wird still. Einige erste Worte zum Komponisten und seinem Werk sollen die Schüler abholen. Dazu erzählt Meier von ihren eigenen musikalischen Begegnungen als Klavier- und Geigenschülerin mit Béla Bartók und leitet dann zum Konzert, das die Schüler gleich hören werden, über. Sie betont die rhythmischen Besonderheiten des Werks und Herausforderungen an die Musiker und probt dann auch gleich einen 9/8 – Takt gemeinsam mit den Schulklassen. Nebenbei bittet Meier sie, die Handys auszuschalten. Dann geht es in den Konzertsaal.

Nach mehreren Jahren und vielen Versuchen, Tests, Höranalysen, die das Potsdamer Team in enger Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam durchgeführt hat, haben sich mittlerweile verschiedene Ohrphon-Formate etabliert. Studentinnen und Studenten haben genau hinterfragt, wie sich das mögliche Publikum zusammensetzt, an welches Publikum sich das Ohrphon richtet, mit welchen Mitteln eine bestimmte Zielgruppe erreicht werden kann, welche Formate sich dafür besonders eignen und vieles mehr.

Inzwischen haben die Schüler Platz genommen. Die Musiker des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt sitzen auf der Bühne, die Flügel werden zurechtgerückt, dann betritt der Dirigent Nikos Athinäos das Podium. Er begrüßt die Musiker und die Zuhörer, denn auch er ist mit einem Headset ausgestattet und so mit dem Publikum verbunden. Die kurzen Unterbrechungen in der Probe nutzt Anne Kathrin Meier, um auf Details im Orchester hinzuweisen: auf bestimmte Klänge von Instrumenten, auf Spielweisen und besondere musikalische Momente.
Sie erklärt auch Ansprachen des Dirigenten an die Musiker oder erzählt, wie man überhaupt Orchestermusiker wird.
So kommentierend begleitet Anne Kathrin Meier die Probe. Noch ehe sie zu Ende ist, fordert sie die Schulklassen auf, sich leise wieder aus dem Saal zu bewegen.

Ohrphon-Moderatorin Anne Kathrin Meier

„Ich versuche, nicht lehrbuchmäßig die Fakten runter zu rattern.“
Anne Kathrin Meier hat längst ihre anfängliche Skepsis gegenüber des Ohrphon-Projektes überwunden. Sie sei niemand, der immerzu mit einem Knopf im Ohr ins Konzert gehen müsse, sagt sie. Dennoch sieht sie in dieser Art der Hörvermittlung einen guten Weg, weniger erprobten Konzertgängern den Schritt dahin zu erleichtern, ihnen die Ohren für Details zu öffnen und vor allem Spaß an Musik zu vermitteln.
Die Reaktionen der jugendlichen Zuhörer ist unterschiedlich, doch was am Ende zählt, sind die Gespräche über das soeben Gehörte. Und diese dauern noch eine ganze Weile an.

Das Ohrphon-Projekt richtet sich an ganz unterschiedliche Hörergruppen: Kitagruppen, Schulklassen, Senioren bis hin zum Fachpublikum. Der Anspruch an die Ohrphon-Moderatoren ist es, sich inhaltlich angemessen an die jeweilige Hörerschaft zu richten. Kommen unterschiedliche Gruppen zusammen in eine Probe, sitzen auch mal zwei Moderatoren mit im Saal. Der Zuhörende kann dann zwischen zwei Kanälen und somit zwei unterschiedlichen Ansprachen auf seinem Ohrphon entscheiden.

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Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt ist nur eines von mehreren Partner-Orchestern, die das Projekt unterstützen und ihre Proben zugänglich machen.

Der Beruf des Hörvermittlers existiert nicht
Neben den Probenbesuchen begleiten Kritiker via Ohrphon Konzerte, gibt es interaktive Klangspaziergänge oder Führungen.
Das Potsdamer Publikum hat das Format des „Ohrphon-Kritikers“ lieben gelernt, denn es kann sich unmittelbar mit den aus Rundfunk und Zeitung bekannten Kritikern live vor Ort austauschen.
Für Dr. Palent ist das eine moderne Form der Konzerteinführung, denn die mühevoll geschriebene Programmeinführung sei doch in die Jahre gekommen und erreiche nicht so viele Menschen.

Den Beruf des Hörvermittlers gebe es nicht, sagt sie. Und so stellen sich die Ohrphon-Moderatoren die Fragen, was in einer Probe oder einem Konzert wirklich wichtig zu erzählen ist und was ins Ohr geht, immer wieder neu. Sie wählen aus dem Repertoire der Partner- Orchester aus, um zu entscheiden, welches Konzert für welches Publikum interessant sein könnte und welche Informationen wichtig sind. Mit Schulen stimmt das Team um Dr. Palent die Probenauswahl entsprechend derer Lehrpläne ab.

Das Ohrphon-Projekt ist angekommen im Land Brandenburg. Die Ohrphon-Proben sind häufig schon lange im Vorfeld ausverkauft. Viele Kindergärten, Schulklassen und offene musikinteressierte Menschen habe sich dem Projekt angeschlossen. Mittlerweile gibt es sogar Ohrphone für Schwerhörige und Vermittlungsprogramme für Gehörlose. Barrierefreiheit in alle Richtungen schaffen, das ist für Dr. Andrea Palent ein zentrales Anliegen.

Sie selbst moderiert am liebsten Hauptproben zu großen Opernproduktionen. Hier kann sie nicht nur Musiktheater vermitteln, sondern über den riesigen Anspruch, den Aufwand, das Geschehen hinter der Bühne informieren und ganz nebenbei auf Pannen aufmerksam machen, die in so einer Probe passieren. „Das finden die Leute total spannend.“, sagt sie und lächelt.

(aktualisierte Fassung 03.09.2018)

Susann Krieger
Susann Krieger studierte Korrepetiton/ Musiktheater (HfM Dresden) und Rundfunk-Musikjournalismus (HfM Karlsruhe). Sie arbeitet als freie Autorin für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten (u.a. WDR, BR, MDR, SWR) und unterrichtet Klavier. 2017 erhielt sie den Deutschen Radiopreis für die beste Reportage und wurde für den Prix Europa nominiert.

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