Wendelin Bitzan und Helge Harding (Foto: Frank Korte)

Interview über die musikpädagogische Ausbildungssituation in Deutschland

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „üben und musizieren“ erschien der Artikel „Künstlerische Exzellenz – Elementare Notwendigkeit oder elitärer Fetisch?“. Die beiden Autoren Helge Harding und Wendelin Bitzan setzen sich darin mit der Situation der klassischen Musikbranche auseinander. Sie hinterfragen die Ausbildungssituation an Musikschulen und Musikhochschulen, die Notwendigkeit und gesellschaftliche Relevanz des Erreichens musikalischer Höchstleistungen, diskutieren mögliche Qualitätsstandards und -kontrollen und werfen einen Blick hinter die Kulissen.

MSI hat sich mit den Autoren getroffen, um gemeinsam mit ihnen die aktuelle Musikausbildungs-Kultur in Deutschland zu beleuchten. Heute erscheint der erste Teil des Interviews.

Wie ist es aus einer ganz subjektiven Wahrnehmung heraus um die Musikausbildung in Deutschland bestellt?

Wendelin Bitzan
Ich denke, dass das, was nach außen sichtbar ist, nicht unbedingt dem entspricht, was innerhalb der Institutionen wirklich passiert. Musikausbildung im Hochschulbereich präsentiert sich oft sehr glamourös und erfolgreich – dies ist das Bild, das in die Öffentlichkeit getragen wird.
Doch hinter den Kulissen sieht man, dass der Nachwuchs nicht genug gefördert wird, um auf die Strukturen und die hohen Ansprüche eines Musikstudiums vorzubereiten.
Das heißt, es gibt eigentlich keinen kontinuierlichen Ausbildungsweg vom Schüleralter bis in die Berufstätigkeit. Da gibt es einige Punkte, wo es entscheidend hakt.

Es scheint eine große Diskrepanz zwischen musikalischer Breitenbildung und Musikstudium zu bestehen. Ist unsere klassische Musikkultur elitär und hat wenig mit der Realität zu tun?

Helge Harding
Ja und nein.
Gut funktionierende Formate wie zum Beispiel „Oper für alle“ auf dem Bebelplatz (vor der Staatsoper in Berlin, Anm. der Redaktion) oder Open-Air-Konzerte zeigen, dass Klassik eine sehr hohe gesellschaftliche Akzeptanz hat, wenn sie sich öffnet.
Sie spricht dann eine breite Masse an und zwar mit allem, was klassische Musik auszeichnet: eine höchste Differenziertheit und Vielfältigkeit der Klänge, die es so in keiner anderen Musikkultur gibt.
Aber: die Art und Weise, wie sich die Wege zur musikalischen Ausbildung gestalten, ist extrem elitär. Wenn man sieht, wer in die Musikschulen kommt, dann stellt man fest, dass es meistens Kinder aus Familien mit hohem Bildungsstand sind oder solche, die über ein entsprechendes Einkommen verfügen. Die Angebote für andere Bildungs- und Einkommensschichten sind derzeit nicht besonders attraktiv.

Helge Harding in der Bundesgeschäftsstelle des Bundesverbandes der Freien Musikschulen in Berlin (Foto: Frank Korte)

Wie ist denn die aktuelle Situation zu musikalischen Bildungsangeboten, beispielsweise an Musikschulen?

Wendelin Bitzan
Ich denke, da ist schon der erste Bruch in einem möglichen Werdegang als Musiker oder als Musikschüler. Es gibt diese ambivalente Wahrnehmung, von der Helge gesprochen hat. Das heißt, es kann sein, dass ein Kind aus einem bildungsnahen Elternhaus die bestmögliche Musikschulausbildung bekommt, die für es verfügbar ist und sehr stark intrinsisch motiviert ist und dann trotzdem nicht in Frage für ein Studium kommt, weil die Kategorien sich so stark verschoben haben und die Musikschulausbildung weitestgehend abgekoppelt ist von allem, was danach kommen kann. Und das sehe ich als ein entscheidendes Problem. Hinzu kommen die Bewerber aus dem Ausland, die auf einem derart hohen technischen und musikalischen Niveau sind, indem zu bestehen es vielen einheimischen Bewerbern unmöglich ist. Diese Kombination an Bedingungen führt zu der Situation, die wir jetzt gerade haben.

Das heißt, die Institutionen arbeiten nicht miteinander, kommunizieren nicht untereinander?

Helge Harding
Das würde ich so pauschal gar nicht sagen. Ich denke schon, dass da einiges an Austausch stattfindet, aber mir scheint der entscheidende Punkt ein anderer zu sein. Ich finde, dass dort keine demokratische Transparenz herrscht – auch hinsichtlich qualitativer Kriterien. Also beispielsweise: Welches Können, also welches Handwerkszeug braucht man, um eine Profikarriere einzuschlagen? Und was leitet sich daraus für das Amateurmusizieren ab? Das ist zwar irgendwie allen mehr oder weniger klar, steht aber nirgends. Auch nicht in Stichpunkten. Und das macht eine inhaltliche Auseinandersetzung und Meinungsbildung darüber extrem schwer.

Habt Ihr Lösungsansätze, um diese Transparenz zu schaffen?

Helge Harding
Es gibt zum Beispiel Stufenprüfungssysteme in England, „Trinity“ und „ABRSM“. Das sind ganz gute Koordinatensysteme. Diese ermöglichen neben Qualifikationen auch Weiterbildungen im professionellen Bereich.
Insbesondere „Trinity“ hat Angebote, die sich an bildungsferne Schichten richten. Solche Systeme sind in Deutschland allerdings nicht sehr populär und auch nicht sehr verbreitet.

Wendelin Bitzan
Ich denke persönlich, dass man noch früher ansetzen müsste als im Musikschulalter. Eine Voraussetzung für die Entscheidung, ein Kind in die Musikschule zu schicken, liegt bereits in der musikalischen Sozialisation. Es gibt wenige Angebote, die sich bereits an Kinder im Vorschulalter richten; und wenn etwas angeboten wird, wie zum Beispiel „Musikgarten“ oder musikalische Elementarausbildung in Kitas, ist das Niveau oft erschreckend niedrig. Man kann nicht davon ausgehen, dass Familien diesen Mangel kompensieren können, da der Umgang mit der Kinderstimme kaum noch eine Rolle spielt.

Wendelin Bitzan in der Bundesgeschäftsstelle des Bundesverbandes der Freien Musikschulen in Berlin (Foto: Frank Korte)

Was können hier zum Beispiel Musikschulen tun, um an dieser Situation was zu ändern?

Helge Harding
Zunächst muss das Fördersystem der Musikschulen hinterfragt werden: Im Moment werden freie und private Musikbildungseinrichtungen mit Ausnahme Bayerns in der Regel nicht staatlich finanziert. Das heißt, sie haben im Vergleich zu kommunalen Musikschulen zwar oft die gleichen Inhalte, bekommen aber keinerlei öffentliche Gelder. Ich denke, dass es im gesellschaftlichen Interesse liegt, diese Ungleichheit zu überdenken und Maßnahmen zu ergreifen, sie zu überwinden. Ich finde diese Trennung schon mittelfristig nicht haltbar.
Inhaltlich ist es – unabhängig von der Musikbildungseinrichtung – wichtig, gezielt Angebote für Menschen zu entwickeln, die noch nicht mit klassischer Musik in Berührung gekommen sind.

Zum Beispiel?

Helge Harding
Zum Beispiel könnte man Seminare zu Themen wie „Was macht eigentlich ein Dirigent?“ oder „Warum hat eine Geige vier Saiten?“ usw. anbieten. Damit könnte man aktiv für den Musikunterricht werben und zeigen, was es heißt, ein Instrument zu erlernen.
Wichtiger wäre allerdings, den zusätzlichen Aufwand, den es bedeutet, jemanden zu unterrichten, der musikalisch noch nicht ’sozialisiert‘ ist, auch abbilden und abrechnen zu können – ohne dass das für diejenigen, die das in Anspruch nehmen, einen zusätzlichen Nachteil bedeutet. Denn bei den aktuellen Preisen, auch denen an staatlich subventionierten Musikschulen, hat eine Familie, die Arbeitslosengeld II bezieht, keine Chance, am bestehenden Musikschulleben teilzuhaben. Das ist mit wenigen Ausnahmen nicht möglich. Das heißt, ein ganz zentraler Punkt ist es auch, sich um Finanzierungsmöglichkeiten zu kümmern.

Am kommenden Freitag (6.4.2018) erscheint der zweite Teil des Interviews. Darin geht es um die berufliche Situation von MusikpädagogInnen.

Diskutieren Sie mit.
Wenn Sie Fragen und Anmerkungen haben, schreiben Sie uns an: redaktion@musikschule-intern.de.

Susann Krieger
Susann Krieger studierte Korrepetiton/ Musiktheater (HfM Dresden) und Rundfunk-Musikjournalismus (HfM Karlsruhe). Sie arbeitet als freie Autorin für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten (u.a. WDR, BR, MDR, SWR) und unterrichtet Klavier. 2017 erhielt sie den Deutschen Radiopreis für die beste Reportage und wurde für den Prix Europa nominiert.

1 KOMMENTAR

  1. Super Artikel, sehr gut auf den Punkt gebracht. Danke dafür und danke auch für den Vortrag auf der Musikmesse in Frankfurt.
    In Wirklichkeit ist die gängige Art der Musikschulförderung seitens der Kommunen und Länder eine „Umverteilung von unten nach oben“.
    Der Geringverdiener mit mehreren Kindern, der keinen Cent übrig hat und unter seiner Steuerlast stöhnt, finanziert mit seinen Steuern den Musikunterricht von den Kindern der Gutverdienenden, kann aber seinen eigenen Kindern keinen Musikunterricht bieten, weil dieser auch an kommunalen Musikschule zu teuer für sein Budget ist.
    Diese Art der Umverteilung von unten nach oben ist asozial.
    Der beste Weg aus dieser absurden Situation: Fördert die Kinder und nicht die Institutionen!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here