Ist Musikbildung auf dem Level des Jahres 1918 geblieben? Während bereits einer von vier Studenten weltweit online studiert, scheint Digitalisierung im Musikunterricht noch nicht angelangt zu sein. Seit über einem Jahr tausche ich mich intensiv mit Akteuren aus der Musikerziehung, Musikpädagogik, Musikbildung und Technologie aus. Langsam fange ich an, die Ursprünge des Problems zu verstehen.

Status Quo von Musikbildung und Technologie

Ich habe in den letzten Monaten viele Gespräche mit Musiklehrern, -schülern und -direktoren, Musikforschern und anderen Softwareentwicklern geführt. Denn ich wollte verstehen, wie der Technologiestand im Bereich der Musikbildung heute ist – wir sprechen hier speziell von Musikschulen und allgemeinbildenden Schulen.

Was fand ich heraus? Es besteht eine große Kluft zwischen dem, was Technologie heute bereits kann und dem, wofür Technologie im Musikunterricht tatsächlich eingesetzt wird. Während Digitalisierung der Musikbildung seit Jahren von Musikakademien, Forschungsinstituten, Musikschulverbänden etc. stark diskutiert wird, kommt sie im tatsächlichen Musikunterricht kaum an.

Ich habe mich gefragt, woran das denn liegen kann.

Erklärungen für geringen Einsatz von digitalen Mitteln im Musikunterricht
Bevor wir uns den Gründen widmen, ist es wichtig zu erwähnen, dass es heutzutage bereits sehr viele Apps, Programme und Tools gibt, die in der Musikbildung genutzt werden könnten. Sowohl die Musikschulverbände als auch unser Team bieten dazu einige Seminare und Workshops für Musiklehrer an, um einen Überblick über diese Technologielandschaft zu verschaffen. Schauen wir in eine Musikklasse rein, werden wir jedoch kaum etwas davon sehen. Warum ist das so? Hier sind fünf Erklärungsversuche.

1) Technologiebarriere
Exzellente Musiker sind nicht automatisch immer Technologieprofis – etwas, was Softwareentwickler oft nicht beachten. Indem wir diese Technologiebarriere senken und Programme verständlich und niederschwellig gestalten, können wir tatsächlich hilfreiche Lösungen für Lehrer und ihren Unterricht  schaffen.

2) Zeitdruck
Eine typische Musikstunde dauert zwischen 30 und 50 Minuten. Viel Zeit, um komplizierte Technik aufzusetzen, bleibt da nicht – zumindest nicht, wenn diese Last auf Schultern der Lehrer allein fällt.

3) Unterschiedliche Nutzverhalten
Lehrer und Schüler haben heute unterschiedliche Vorstellungen davon, wann, wo und wie Technologie verwendet werden soll. Während Lehrer eher an stationäre Computer und Laptops denken, sind Schüler eher im mobilen Bereich aktiv. Zahlreiche Musikprogramme werden heute jedoch entweder für Computer oder aber für Telefone entwickelt.

4) Kontrast zu existierenden Prozessen
Das Lehren und Lernen eines Musikinstruments folgt seit Jahrzehnten einer bestimmten Abfolge – während moderne Technik keinen Platz im Unterricht findet. Lehrer sollten dabei unterstützt werden, ihre existierenden Abläufe an die modernen Bedingungen anpassen und Zeit für die Integration dieser Tools finden.

5) Die Beziehung von Ziel und Mittel
Würden Sie einen Schrauberzieher verwenden, um einen Nagel in die Wand zu hämmern? Oft werden Lehrern digitale Tools vorstellt, die ihnen nicht dabei helfen, ihre Ziele zu erreichen. Ein tolles Mittel kann nur funktionieren, wenn es auch für das richtige Ziel verwendet wird. Wie hilft das Erlernen eines Aufnahmeprogramms einem Gitarrenlehrer zum Beispiel, seine Ziele zu erreichen? Diese Beziehung soll immer thematisiert und im Hinterkopf behalten werden.

Klassifizierung existierender Technologien zum Erlernen eines Instruments:
Ich habe im Hinblick auf vorhandene Lösungen eine eigene Klassifizierung erstellt, die Menschen dazu verwenden können, ein Instrument zu lernen.

a) Musikinstrumente spielen ohne Musikinstrumente
Gemeint sind jegliche digitalen Instrumente oder digitale Audio-Workstations, die dabei helfen, analoge Instrumente durch Sounds und digitale Repräsentation zu ersetzen. Auch wenn diese nicht per se für die Musikbildung entwickelt wurden, finden sie dennoch häufig Anwendung. In diesem Fall helfen sie Menschen, Musik zu machen, aber nicht ein besserer Instrumentalist oder Vokalist zu werden.

b) Selbst lernen – Autodidaktische Lösungen
Es gibt zahlreiche Gitarrenapps, die ohne jegliche menschliche Interaktion dabei helfen, das Instrument zu lernen. Die Schwierigkeit der Übungen steigt stetig an und stellt so sicher, dass die Person lernt.

c) Selbst lernen – mit Tutorials
Es gibt auch zahlreiche Möglichkeiten, von Menschen zu lernen, ohne jedoch im gleichen Raum zu sein – oft sogar nicht einmal zur gleichen Zeit.
Dazu zählen Videoportale mit Tutorials wie YouTube, aber auch MOOC’s (Online Kurse wie Coursera oder Udemy) und Konfrenzsysteme wie Skype.

d) Selbst & mit einem Lehrer lernen – Blended learning
Mischkonzepte, bei denen sowohl in Person unterrichtet wird, aber auch zu einem gewissen Teil ein Selbststudium mit Hilfe von digitalen Medien vorgesehen ist. Zum Beispiel ein Universitätskurs, der vor Ort an der Uni gehalten wird aber auch Unterrichtsmaterial für die Zeit bietet, die Studierende nicht im Klassenzimmer sind.

Der Kern des Musikunterrichts
Der gemeinsame Kern aller Möglichkeiten, ein Instrument zu lernen, ist die Tatsache, dass es gewisses Unterrichtsmaterial braucht. Jahrhundertelang lebte Musik nur in Form von Notenblättern und Lehrwerken weiter – das Studium und Praxis derer das Zentrum jeder Instrumentalstunde bildeten. Mit neuen Technologien wurde es möglich, Audioaufnahmen (Schallplatten, Kassetten, CD’s, mp3’s) sowie Videos in den Musikunterricht einzubinden.

Mögliche Lösungswege
Auch in zehn oder fünfzig Jahren wird sich der Musikunterricht rund um diese (oder neuere) Unterrichtsmaterialien drehen. Ich persönlich denke daher, dass Technologieentwickler sich die Frage stellen sollten, wie sie diese Inhalte leicht zugänglich, interaktiv machen und in den existierenden Unterricht einbinden können. Was sind wichtige Elemente einer solchen hilfreichen Software?

1) Zugänglichkeit
Heutzutage ist jeder gewohnt, Informationen aller Art schnell und überall zur Hand zu haben. Dazu zählt auch die Möglichkeit ein neues Musikalbum während der U-Bahn-Fahrt zu finden. Eine sinnvolle App für den Musikunterricht muss seinen Nutzern die Möglichkeit geben, auch Unterrichtsmaterial in jeglicher Form schnell und von überall aus zu finden.

2) Interaktivität
Diese Inhalte sollten dabei natürlich so interaktiv wie möglich sein – für Bildungszwecke ist es extrem relevant diese Inhalte an die Unterrichtssituationen anpassen zu können (z.B. Tempoänderung).

3) Einbindung in existierende Prozesse
Um Digitalisierung im Musikunterricht erfolgreich umsetzen zu können, ist es extrem relevant den aktuellen Prozess in seiner Fülle zu verstehen, um zu erkennen, wie Technologie diesen noch einfacher und angenehmer machen kann. Während vieler Gespräche im vergangenen Jahr haben wir gelernt, dass Musikbildung viel mehr ist, als das Erlernen eines Instrument oder der Umgang mit der eigenen Stimme.

4) Kooperation zwischen Forschung, Lehre und Praxis
Diese Umsetzung kann nicht von Lehrern allein erwartet werden. Vielmehr wird es notwendig, eine aktive Kooperation zwischen Bildungsinstitutionen, Lehrern und Technologieschaffenden zu kreieren, um die richtigen Programme für die richtigen Ziele zu entwickeln.

Dieser Artikel erschien im März 2018 in der Online-Magazinausgabe von „etudo“

Ein Gespräch mit dem Autor Helmut Herglotz zum Thema „Musikbildung und Technologie“ folgt in der kommenden Woche.

Helmut Herglotz
Helmut Herglotz ist Gründer & CEO von sofasession GmbH. Seit 2014 können Musiker auf der ganzen Welt über das Internet auf der Plattform sofasession.com miteinander Musik machen. Auf Nachfrage aus dem musikalischen Bildungsbereich wurde etudo geschaffen, eine interaktive App für den Musikunterricht.

1 KOMMENTAR

  1. Eine interessante Analyse, die nur in einem entscheidenden Punkt versagt: Das Zusammenspiel von Menschen wurde schlicht vergessen und damit das wahrscheinlich einzige künftige Argument, jemandem das aktive Erlernen eines Instruments anzubieten

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here