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Visionär, Macher, Teamworker

Interview mit Mario Müller, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Privatmusikschulen e.V. (bdpm)

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Foto: Mario Müller

Seit gut einem Jahr ist er in Nachfolge von Michael Moch nun Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Privatmusikschulen e.V. (bdpm): Mario Müller. Ein junger, charismatischer Macher, so wird der Bonner Musikschulleiter gerne von Weggefährten beschrieben. musikschule intern (msi) möchte den Visionär und Marketing-Experten näher vorstellen. Herausgeber Michael Herrmann sprach mit Mario Müller: über die Vergangenheit des bdpm, die Gegenwart und die Zukunft – und auch über Persönliches.

Herr Müller, seit Anfang 2014 sind Sie nun Vorsitzender des bdpm. Was hat sich seit Ihrer Amtsübernahme im bdpm verändert?

Mario Müller: „Der neue Bundesvorstand hat mit mir gemeinsam den bdpm stark professionalisiert. Wir haben die Verwaltung verschlankt, haben die Landesverbände mit in die Verwaltung eingebunden, haben neue Projekte, wie ‚Kids Love Music‘ und die bdpm-Akademie auf den Weg gebracht. Außerdem haben wir ein neues Informationsmedium für unsere Mitglieder geschaffen, eine interne bdpm-Webseite, auf der alles steht, was bdpm-Mitglieder interessiert.“

Es sind sicherlich große Fußstapfen, die Ihnen der langjährige Vorsitzende und nun Ehrenvorsitzende Michael Moch hinterlassen hat. Wie würden Sie im Nachhinein seine Amtszeit, seine Rolle für den bdpm charakterisieren? Und aus welchen Gründen erfolgte sein Rücktritt?

M.M.: „Michael Moch hat über Jahre den bdpm stabilisiert und den Boden bereitet, auf dem wir nun unsere Projekte aufbauen konnten. Der bdpm ist in seiner Zeit zu einem etablierten Verband herangewachsen, der beispielsweise in der Umsatzsteuerdebatte vor drei Jahren sehr gute Arbeit geleistet hat. Michael Moch hat den bdpm sieben Jahre geführt, was eine wirklich lange Zeitspanne ist. Ich halte es daher für legitim, dass man nach einer solchen Zeit den Staffelstab weitergibt. Ich habe diese Übergabe als sehr angenehm empfunden und ich schätze die Meinung von Michael Moch immer noch sehr, so dass wir auch weiterhin in regem Kontakt stehen.“

Herr Müller, wo steht der Verband heute?

M.M.: „Ich glaube, dass der bdpm immer mehr Gewicht bekommt. Wir haben uns mit anderen Verbänden sehr gut vernetzen können und im August eröffnen wir in Berlin eine neue Geschäftsstelle, die wir dann mit mehreren Musikverbänden gemeinsam betreiben werden. Der bdpm ist für unsere Mitgliedsschulen zu einem echten Partner geworden, der sich zum einem um die Vernetzung kümmert, zum anderen kompetente Hilfestellung und Beratung zu vielen Themen geben kann.“

In der letzten Ausgabe von musikschule intern war zu lesen, dass der bdpm ein Rechtsgutachten zur Förderpraxis der kommunalen Musikschulen vorgelegt hat, aus dem hervorgeht, dass die derzeitige Förderpraxis nicht mit dem Europarecht vereinbar ist [Anm. d. Red.: musikschule intern (msi) 6/2014: Einseitige Musikschulförderung verfassungswidrig?]. Für mich klingt das wie eine Bombe, die da gerade explodiert. Wie sehen Sie das?

M.M.: „Das Gutachten bestätigt die Argumente, die der bdpm schon seit Jahren hat und auch fordert. Es kann ja wirklich nicht sein, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien nur einen Zuschuss zum Musikunterricht erhalten, wenn sie in einer kommunalen Musikschule unterrichtet werden. Man sollte doch endlich einmal anfangen vom Schüler aus zu denken – und nicht von den Institutionen. Über 50 Prozent des Musikunterrichts findet außerhalb der kommunalen Musikschulen statt. Dies ist mittlerweile eine wichtige Säule der Musikausbildung in Deutschland, die leider immer noch zu wenig wahrgenommen wird.

In vielen Städten und Kommunen gibt es schon gar keine kommunale Musikschule mehr, so dass dieses Musikschulsystem nicht mehr flächendeckend in ganz Deutschland zur Verfügung steht. Alleine dies ist schon ein Grund, dass sich etwas ändern muss, damit alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Chancen auf musikalische Bildung haben.“

Und wie sehen nun die nächsten Schritte des bdpm aus? Haben Sie vor, Klage zu erheben – oder möchten Sie einen anderen Weg gehen?

M.M.: „Wir sind gerade dabei dieses Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, sprechen darüber mit anderen Musikverbänden und Politikern. Ich wünsche mir zu diesem Problem eine konstruktive Diskussion und bin zum jetzigen Zeitpunkt der Meinung, dass eine Klage hier nicht viel bewegen wird. Vielmehr denke ich, dass wir das Thema Teilhabegerechtigkeit an einem ‚runden Tisch‘ diskutieren sollten.“

Das wird sicher spannend. Wie wird sich das Ihrer Ansicht nach auf die kommunalen Musikschulen auswirken? Und wie auf die Privaten?

M.M.: „Das ist schwer zu sagen. Wir haben nicht vor die kommunalen Musikschulen abzuschaffen, sondern für die Kinder, die Unterstützung benötigen, den Weg auch in eine private Musikschule frei zu machen, damit sie nicht mehr auf Wartelisten stehen oder gar den Instrumentenwunsch ändern müssen, da die kommunale Musikschule das Fach überhaupt nicht anbietet, wie ich es vor einem halben Jahr in meiner eigenen Musikschule in Bonn erlebt habe.“

Das ist ja quasi eine Kampfansage an die Kommunalen. Haben Sie darüber auch schon mit dem Verband deutscher Musikschulen (VdM), in dem ja die kommunalen Musikschulen organisiert sind, gesprochen? Gab es dazu schon Äußerungen? Auf seiner offiziellen Website hat der VdM bis dato ja noch nicht reagiert.

M.M.: „Wir möchte über diverse Themen sehr gerne mit dem VdM reden, jedoch wurde bisher jedwede Initiative unseres Verbandes ausgebremst. Erst im Januar 2015 sollte es Gespräche auf Vorstandsebene geben, die wiederum vom VdM abgelehnt wurden. Ich persönlich halte das Vorgehen des VdM für ein politisches ‚No-go‘. Im Grunde wollen beide Verbände doch eines: Gute musikalische Ausbildung in Deutschland! Da man dieses Ziel eigentlich nur gemeinsam erreichen kann hoffe ich, dass es bald Gespräche mit dem VdM geben wird.“

Kommen wir zu einem anderen Thema: Im Vergleich zum VdM hat der bdpm ja noch relativ wenig Mitglieder – Tendenz erfreulicherweise steigend. Gleichzeitig ergeben Hochrechnungen, dass in Deutschland etwa sieben Mal so viele private Musikschulen existieren müssten wie kommunale. Warum sind erst so wenige Musikschulen Mitglied im bdpm?

M.M.: „Dafür gibt es mehrere Gründe. Der VdM ist schon mal per se wesentlich älter als der bdpm, der mit seinen 17 Jahren noch relativ jung ist für einen Verband. Derzeit hat der bdpm ein Musikschulzuwachs von circa 20 Prozent pro Jahr, was auch ausreicht, da sonst ein gesundes Wachstum kaum möglich ist. Viele private Musikschulen haben auch nicht die Möglichkeit in den bdpm zu kommen, da sie die Kriterien der Zertifizierung nicht erreichen. In vielen Bundesländern gibt es kein Musikschulgesetz und somit kann jeder eine Musikschule öffnen, egal ob er eine Ausbildung hat oder nicht. Dadurch tummeln sich auf dem Markt viele schwarze Schafe, die bei weitem nicht die angeforderten Qualitätsrichtlinien erfüllen.“

Oder anders gefragt: Welche Vorteile hat eine private Musikschule, wenn sie Mitglied im bdpm wird?

M.M.: „Für private Musikschule oder Musikinstitute gibt es viele gute Gründe in den bdpm zu kommen. Der wichtigste Punkt ist hier unser Zertifikat, mit dem die Musikschule werben kann, um sich so von den Mitbewerbern abzuheben. Außerdem hat der bdpm Berater, die ein Mitglied kostenlos in Anspruch nehmen kann, um so Probleme im Unternehmen lösen zu können. Der bdpm bietet den Sozialfonds ‚Kids Love Music‘ an, der Kinder aus sozial benachteiligten Familien unterstützt, den Musikwettbewerb ‚Keys’n Bands on Stage‘ und die neue bdpm-Akademie, die Workshops und Seminare zu den unterschiedlichsten Themen in ganz Deutschland anbietet.

Noch ein großer Vorteil sind die vielen Vergünstigungen für Mitglieder bei diversen Unternehmen aus sämtlichen Branchen, wie zum Beispiel Versicherungen, Musikgeschäfte und Softwareunternehmen. Zum Schluss unterhält der bdpm ein großes Netzwerk von Musikschulen, Musikverbänden, Instrumentenherstellern und so weiter, welches von jedem Mitglied genutzt werden kann. Alleine die regelmäßigen Treffen der Musikschulleiter sind für die einzelne Musikschule oft von sehr großer Bedeutung. Hier findet ein wichtiger Ideenaustausch statt, der jeder einzelnen Musikschule hilft, sich für die Zukunft fit zu machen.“

Unsere Redaktion erhält in letzter Zeit immer mehr Anfragen von Musikschulen, die über stark sinkende Schülerzahlen berichten. Machen die Musikschulen etwas falsch?

M.M.: „An dieser Stelle kommen mehrere Einflüsse zusammen. Durch den stark ausgebauten Ganztagsbetrieb in Schulen und Kindergärten sowie das neue G8-Abitur haben viele Kinder und Jugendliche schlichtweg nicht mehr die Zeit ein Musikinstrument zu erlernen. Des Weiteren kommen dann noch die Einflüsse von PC, iPad und Co. hinzu, die ebenfalls dazu beitragen, dass das Interesse am Musizieren sinkt. Außerdem fehlen vielen Kindern und Jugendlichen die musikalischen Idole. Diese Faktoren zusammengefasst sind ein wichtiger Auslöser, dass die Schülerzahlen in den Musikschule rückläufig sind.

Viele Musikschulen reagieren darauf mit Preissenkungen, kostenlosen Probemonaten und weiteren Dumping-Angeboten, was das Problem allerdings nicht löst. Es geht eher darum die Musikschule wieder interessanter und wertiger zu machen. Das beginnt beim Ambiente in der Schule, einer modernen Ausstattung und qualifizierter Lehrer, die die Schüler für ein Instrument begeistern können und geht weiter mit Ensemble- und Band-Arbeit, bei denen die Schüler Erfolgserlebnisse haben und spüren, dass Musizieren in der Gruppe ein tolles Erlebnis ist.

Die Musikschulen, die bereits vor zwei bis drei Jahren begonnen haben sich dem Markt anzupassen, das heißt Kooperationen mit Kindergärten und Schulen eingegangen sind, sich modernisierten und den Bereich Erwachsenenbildung ausgebaut haben, haben nun auch weniger Probleme mit ihren Schülerzahlen. Der bdpm kümmert sich gerade sehr stark darum seinen Musikschulen zu helfen, diese Umstellung vollziehen zu können. Ich denke, dass die Talsohle erreicht ist und wir nun wieder nach vorne blicken können und die Zahlen bei den Schulen wieder steigen werden. Jedoch sollte jedem klar sein, dass sich der Markt geändert hat.“

Stellen wir mal eine gewagte Frage: Wie sehen Sie die Zukunft der Musikschulen in zehn Jahren, wie in 25 Jahren?

M.M.: „Das ist eine schwierige Frage. Ich betreibe meine Musikschule nun seit 26 Jahren. Wenn ich mir hier die Entwicklung anschaue, dann komme ich zu dem Schluss, das wir heute eine komplett andere Musikschule sind, als wir vor 26 Jahren waren. Ich denke, dass die Musikschule auch in 25 Jahren noch einen wichtigen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Sie wird ein Ort sein, an dem man seinem Hobby nachgeht, wo man Menschen mit gleichen Interessen trifft und wo Kinder und Jugendliche eine gute musikalische Ausbildung bekommen können.

Der bdpm wird sich diesem Thema auf seinem nächsten Bundeskongress annehmen, der im März 2016 in Hannover stattfinden wird. Wir wollen dort mit unseren Schulen, mit Dozenten und Fachleuten diskutieren, Zukunftsprojekte vorstellen und neue Unterrichtsprogramme zeigen.“

Und wo sehen Sie den bdpm in zehn Jahren?

M.M.: „Der bdpm wird in zehn Jahren weiterhin ein wichtiger Partner für die privaten Musikschulen sein, sowohl politisch als auch in Unternehmensfragen. Wir werden bis dahin unser Netzwerk weiter vergrößert haben und uns auch an der ein oder anderen Stelle Gehör verschafft haben und so wichtige Forderungen für unsere Musikschulen durchgesetzt haben.“

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie sind ja quasi nebenher noch Leiter einer Musikschule, organisieren den bundesweiten „Keys’n Bands on Stage“-Wettbewerb, sind Initiator und Organisator des bdpm-Sozialfonds, halten deutschlandweit Vorträge zum Thema Musikschul-Marketing und Betriebswirtschaft und sind gleichzeitig auch noch eine Art Unternehmensberater für ins Schlingern geratene Musikschulen. Haben Sie überhaupt noch Freizeit? Und wie verbringen Sie diese dann?

M.M.: „Dazu muss ich als erstes einmal sagen, dass ich im bdpm-Bundesvorstand ein tolles Team habe. Insgesamt arbeiten wird dort derzeit mit zehn Personen, die sich für den Verband sehr stark ehrenamtlich engagieren. Nur so ist es überhaupt möglich, die ganzen Aufgaben zu bewältigen.

Ich habe natürlich Freizeit und verbringe diese auch sehr gerne zu Hause. Ich lebe in einer Lebenspartnerschaft mit meinem Mann zusammen, der mir die Freiräume gibt, die ich für den Job als Musikschulleiter und bdpm-Vorsitzender benötigt. Jedoch haben wir uns auch Zeiten festgelegt, an denen nur unsere Familie im Vordergrund steht. Ein großes Hobby von mir ist das Kochen und natürlich immer noch das Musizieren.“

Bei Ihnen hat man immer das Gefühl, Sie haben absolut alles unter Kontrolle, wissen immer, was wann wo passiert – und was in Zukunft geschehen wird. Woher nehmen Sie eigentlich Ihre unglaubliche Energie und wie entstehen Ihre Ideen?

M.M.: „So genau kann ich das auch nicht sagen, ich glaube so etwas ist angeboren. Ich versuche durch einen gut strukturierten Arbeitsplatz alle Projekte im Blick zu halten und fühle mich als Team-Planer, so dass die meisten Projekte in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen entstehen und dann auch auf den Weg gebracht werden. Wenn man ein gutes Team hat, ist dies auch keine Hexerei, man braucht eigentlich nur den Überblick zu behalten und zu sehen, dass an einer bestimmten Stelle immer das richtige Team-Mitglied ist, um das Projekt weiterzubringen.“

Herr Müller, dann wünschen wir Ihnen möglichst viele Gelegenheiten zum Ausspannen und Energie tanken – und ganz besonders viele Ideen und Kraft für die kommenden Jahre!

M.M.: „Ich danke Ihnen sehr und hoffe, dass der bdpm in den nächsten Jahren so dynamisch bleibt und wir mit dieser Kraft noch viele musikalische Themen in Deutschland anregen und nach vorne bringen können.“

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Michael Herrmann ist Musikschulleiter und geschäftsführender Gesellschafter der intakt Musikinstitut gemeinnützigen GmbH in Pfaffenhofen. Er studierte Jazz-Piano und unterrichtet Klavier und Gesang, ist Gründer und ehemaliger Herausgeber von musikschule intern und ist darüber hinaus als Musiker unterwegs.