12. bdfm-Kongress auf der Musikmesse 2018, Vortrag Mario Müller

Ein Gespräch mit Mario Müller, Vorsitzender des Bundesverbandes der Freien Musikschulen (bdfm).

Die Corona-Krise versetzt die Welt in einen Ausnahmezustand. Auch in Deutschland ist das Leben größtenteils zum Stillstand gekommen. Viele Unternehmen können nicht wie bisher weiterarbeiten. Menschenwerden auf Kurzarbeit gesetzt oder verlieren sogar ihre Arbeit.

Auch die Musikschulen haben in diesen Wochen geschlossen und können ihre Schüler nicht wie gewohnt unterrichten. Was das insbesondere für freie Musikschulen bedeutet, darüber hat die MSI mit Mario Müller, dem Vorsitzenden des bdfm gesprochen.

MSI: Herr Müller, was bedeutet die Corona-Krise für die freien Musikschulen in unserem Land?

Mario Müller: Ich denke, dass ein Teil der Musikschulen deutliche Verluste erleiden wird. Das betrifft vor allem die Musikschulen, die Kooperationen mit Schulen und Kindergärten eingegangen sind und aufgrund der Schließungen dieser Institutionen im Moment gar nicht arbeiten können. Zumindest im Bereich des Gruppenunterrichts. Auf der anderen Seite entdecken immer mehr Musikschulen die digitalen Möglichkeiten und bieten da neue Unterrichtsformen an.

Foto: Mario Müller

MSI: Wie gehen einzelne Musikschulen ganz konkret mit der aktuellen Situation um?

Mario Müller: Viele Musikschulen setzen im Moment auf Online-Unterricht, gerade im Einzelbereich. Die Schüler nehmen das dankbar an. Ich denke, dass das auch mit der Technik, die die meisten Musikschulen haben, für einige Wochen machbar ist. Sollte die Krise jedoch länger dauern, müssten viele Musikschulen technisch aufrüsten.

MSI: Im Einzelunterricht sind Online-Angebote also eine gute Alternative für den Moment. Doch wie gehen Musikschulen mit Gruppenunterricht um?

Mario Müller: Viele Kollegen bieten kleine Tutorials an, die sie teilweise selbst entwickeln. Da gibt es sehr engagierte und kreative Lehrkräfte an den freien Musikschulen. Dennoch ist das kein Ersatz für den Unterricht vor Ort. Da wird es, wie schon angedeutet, für einige Musikschulen schwierig. Sicherlich werden diese Schulen auf öffentliche Hilfe angewiesen sein.

MSI: Jedes Bundesland entwickelt seine eigenen Hilfsprogramme. Welche Erfahrungen haben Ihre Mitgliedsschulen in den jeweiligen Ländern bisher gemacht?

Mario Müller: Da ich selbst eine Musikschule in Nordrhein-Westfalen habe, weiß ich, dass die Hilfsprogramme in NRW relativ schnell und unbürokratisch zum Einsatz kommen. In anderen Bundesländern ist das schon schwieriger. Da wird vielmehr geprüft und müssen sehr viel mehr Hürden genommen werden, ehe ein Unternehmen wirklich Unterstützung bekommt. Das ist ein großes Problem.

MSI: Was bedeutet die Krise für die einzelnen Mitarbeiter an den freien Musikschulen?

Mario Müller: Musikschulinhaber mit festangestellten Mitarbeitern können als Unternehmen relativ unkompliziert öffentliche Hilfsgelder beantragen. Schwieriger wird es für Musikschulleiter, die ausschließlich mit Honorarkräften arbeiten. Die können lediglich für sich selbst als Solounternehmer bzw. freie Musiker Hilfe beantragen, aber der „Apparat Musikschule“ muss ja weiterhin finanziert und die Mieten gezahlt werden. Auch die Honorarkräfte sind für sich selbst verantwortlich. Aber wie gesagt, viele unterrichten jetzt online und können gegebenenfalls Unterricht nachholen. Solange der Unterricht läuft, gibt es erstmal keine Honorareinbrüche bei den einzelnen Lehrkräften.

MSI: Wie gehen die Kunden bzw. die Schüler mit der veränderten Situation um? Nehmen sie Alternativen gut an oder gibt es jetzt höhere Kündigungsraten?

Mario Müller Das ist komplett unterschiedlich. An unserer Musikschule werden die Alternativen dankbar angenommen, sodass es im Moment keine höhere Kündigungsquote als sonst gibt. Was fehlt, sind natürlich Neuanmeldungen. Normalerweise melden sich in den Monaten März und April viele neue Schüler an. Das fällt weg und kann langfristig schon zu Verlusten führen.

Aber ich höre auch von Musikschulen, da brechen etwa 40 Prozent der Schüler weg. Das hat viel damit zu tun, in welcher Region die Schule angesiedelt ist, ob es eine Region ist, in der es im Moment viele Entlassungen gibt oder Menschen auf Kurzarbeit gesetzt werden. Die können sich den Musikschulunterricht natürlich nicht mehr leisten, da rutschen die Umsätze ganz schnell in den Keller.

MSI: Was denken Sie, wird es vermehrt zu Musikschulschließungen kommen?

Mario Müller: Die Frage ist schwer zu beantworten. Eine Prognose wage ich da momentan nicht. Ich glaube jedoch, Deutschland hatte bislang eine gute Wirtschaft. Das heißt, nach der Krise halte ich es für wahrscheinlich, dass die Wirtschaft innerhalb weniger Wochen wieder in Gang kommt, Menschen wieder ihre Arbeit aufnehmen können und das Geld wieder fließt.

Es wird sicherlich eine Delle geben, aber langfristig denke ich, dass es auch für unsere freien Musikschulen weitergeht.

Im Moment sitzen die Menschen viel zu Hause und machen sich vielleicht auch Gedanken über ihr Hobby und ihre Beschäftigungen. Da kommen sicherlich auch einige auf die Idee, Musik zu machen und ein Instrument zu erlernen.

MSI: Wie beurteilen Sie die Situation der freien Musikschulen im Vergleich zu anderen Branchen der Musikindustrie, wie z.B. Konzertveranstaltern, Verlagen usw. ….?

Mario Müller: Im Vergleich zu anderen Kreativbereichen geht es den Musikschulen relativ gut. Wir müssen, wie zum Beispiel Konzertveranstalter, keine Konzerte von heute auf morgen absagen und können weiterhin Unterricht anbieten. Ein Konzert, was an dem Abend nicht stattgefunden hat, hat nicht stattgefunden. Das Jahr hat nur 365 Tage und da krieg ich das nachher nicht aufgeholt. Ich glaube, das ist ein wirkliches Desaster.

MSI: Ist das auch ein Grund, warum Ihr Verband im Zusammenhang mit der Krise bisher nach außen nicht besonders in Erscheinung getreten ist? Andere Musik- oder Berufsverbände waren deutlicher zu vernehmen, insbesondere mit Rufen nach Hilfsprogrammen oder Sofortmaßnahmen.

Mario Müller: Ja, genau, das ist so. Ich kann jetzt nicht als „bdfm“ zu allen Politikern gehen und sagen, unsere Leute haben keine Kunden mehr, das ist ja nicht so. Es wird ja auch von der Politik schon gesehen, dass unsere Mitglieder aktiv sind, dass sie sich was einfallen lassen, weiterhin Musikunterricht anzubieten, da kann ich als Verband nicht das Gegenteil behaupten.

Aber alles hängt davon ab, wie lange die Schulen noch geschlossen bleiben müssen und wie sich die allgemeine Wirtschaftslage nach Corona darstellt.

MSI: Sehen Sie die Krise auch als Chance für die Digitalisierung von Musikschulen?

Mario Müller: Der bdfm hat ja die Digitalisierung schon eine ganze Weile auf dem Schirm und ihre Mitgliedsschulen immer wieder ermutigt, das Thema in Angriff zu nehmen. Jetzt ist auf jeden Fall ein guter Zeitpunkt, das zu vertiefen. Denn Online-Angebote können und sollten auch in der Zukunft genutzt werden. Wenn sich ein Schüler zum Beispiel ein Bein bricht, kann er darauf zurückgreifen. Oder ein Schüler möchte auf das Fachwissen eines speziellen Lehrers zurückgreifen, der aber in einer anderen Stadt sitzt. Auch da sind digitale Medien sehr sinnvoll. Ich denke, Musikschulen werden sich in dieser Hinsicht verändern und weiterentwickeln.

MSI: Ihre Einschätzung, Herr Müller, wie wird es mit den freien Musikschulen weitergehen?

Mario Müller: Also ich vertrete schon eine ganze Weile die Meinung, dass sich das Bild der Musikschule komplett wandeln wird. Musikschulen werden zum Treffpunkt vor Ort – zum Üben, zum Unterrichten, zum Austausch, Proben usw. – kurz: ein Zentrum des musikalischen Lebens, mehr noch als heute. Die Digitalisierung gibt uns zusätzlich noch mal völlig neue Möglichkeiten für den Unterricht und vieles mehr. Wenn wir jetzt die Chance ergreifen und die vielen Ideen, die es ja schon gibt, umsetzen, eröffnen wir uns vollkommen neue Perspektiven und Wege für den Musikschulunterricht und das musikalische Leben generell.

Susann Krieger
Susann Krieger studierte Korrepetiton/ Musiktheater (HfM Dresden) und Rundfunk-Musikjournalismus (HfM Karlsruhe). Sie arbeitet als freie Autorin für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten (u.a. WDR, BR, MDR, SWR) und unterrichtet Klavier. 2017 erhielt sie den Deutschen Radiopreis für die beste Reportage und wurde für den Prix Europa nominiert.

3 KOMMENTARE

  1. Lieber Mario, hiermit möchte ich noch ergänzen, dass Gruppenunterricht online sehr wohl funktioniert, auch mit unseren Kooperationspartnern wie Kitas, Familienzentren und Schulen! Wir machen das seit drei Wochen erfolgreich und zwar live – in kleinen und in großen Gruppen – mit Kindern jedes (!) Alters und Erwachsenen – mit der vertrauten Lehrkraft, z.B.:
    Ensembles wie z.B. Gitarren-/Ukulelegruppen
    Chorproben für Kinder und Erwachsene
    Musikalische Früherziehung, z.B. auch weiterhin mit unseren Kooperations-Kitas
    und – ja, das sind wirklich die erfolgreichsten Gruppen! – Musikalische Eltern-Kind-Gruppen mit einer Teilnehmerzahl von 8 bis 50 Familien. Ich würde meine Erfahrungen damit gerne mit interessierte Kolleg:innen teilen, wenn Bedarf ist!

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