(C) Gitarren Akademie Linden

Sollten Musikpädagogen nach Alternativen suchen?

Inzwischen ist es etwa fünf Monate her, dass sich wegen des Coronavirus das persönliche und gesellschaftliche Leben verändert hat. Auch das Musikschulleben ist von den Verboten und und Einschränkungen beeinflusst. Zunächst haben die meisten Musikschulen ihre Schülerinnen und Schüler via Videotelefonie unterrichtet. Dann kehrte langsam der Präsenz-Unterricht zurück. Was bisher weitgehend ausbleibt, sind Klassenvorspiele. Doch gerade das öffentliche Präsentieren von Musik ist für die musikalische Entwicklung enorm wichtig.

Warum sollen Schülerinnen und Schüler überhaupt vorspielen?

Die wenigsten von ihnen spüren ein starkes intrinsisches Bedürfnis, Erlerntes vorzutragen. Vielen genügt der Musikunterricht oder das regelmäßige Musizieren im Ensemble oder in einer Band. Wäre es da nicht richtig, dem Wunsch des Schülers nachzukommen und lediglich wöchentlichen Instrumentalunterricht anzubieten? Sollte nicht der Schüler selbst erkennen und entscheiden, wann er zum Vorspiel bereit ist?

Folgte man dieser Gedankenkette, gäbe es künftig nur noch wenige Musikschulkonzerte. Die Folge wäre, dass Musizieren an Attraktivität verliert und sich vom Aktiven zum Passiven verschiebt. Ausgeschlafene Instrumentalpädagogen hingegen lassen sich nicht von dem Umstand leiten, dass Schülern der innere Antrieb zum Vorspiel fehlt. Sie erkennen die Sekundäreffekte, die eine aktive Teilnahme an einem Schülervorspiel mit sich bringt.

Planen, pauken, präsentieren

Schon Wochen oder Monate vor dem Konzert findet das statt, was keinem Musikunterricht fehlen sollte: Die Vereinbarung eines gemeinsamen und verbindlichen Ziels. Dies ist vor allem die Aufgabe des Lehrers: Er oder sie muss geeignete Lieder aussuchen, einschätzen, ob der Schüler oder die Schülerin das Lied in der Zeit bis zum Konzert erarbeiten kann, und ob das Lied attraktiv genug ist, sodass der Schüler die nötige Motivation aufbringt, die Erarbeitung auch ernsthaft anzugehen. In dieser Zeit beobachten erfahrene Musikpädagogen akribisch das Verhalten des Schülers, müssen motivieren und den Lernprozess aktiv begleiten. Kurzum, der Lehrer muss Verantwortung dafür übernehmen, dass sein Schüler das Lied vorbereitet.

Der Schüler hingegen hat in dieser Zeit vor allem eines zu tun: Er muss das Lied lernen. Dies benötigt Zeit und Durchhaltevermögen. Der Lohn, den der Schüler für sein Engagement dafür erhält, ist langfristig aber viel höher, als der Preis, den er kurzfristig dafür zahlen muss. Neben dem Erwerb neuer motorischer Fertigkeiten, lernt der Schüler seine Konzentrationsfähigkeit zu verbessern, sich die meist knapp vorhandene Zeit gut einzuteilen und besprochene Ziele verbindlich einzuhalten. Fähigkeiten, auf die heranwachsende Menschen ihr ganzes Leben lang zurückgreifen können – und werden.

Was ist ein Konzert ohne Publikum?

Dies gleicht einem Brief, der niemals gelesen wird. Mit anderen Worten: Das Publikum macht das Konzert zum Konzert und ist daher unverzichtbar. Aus Sicht des Schülers besteht das Publikum aus den eigenen Eltern und Großeltern, den anderen Schülern und natürlich deren Eltern beziehungsweise Großeltern. Aus der Zusammensetzung des Publikums lässt sich unschwer schlussfolgern, dass der vortragende Schüler unabhängig von der eigentlichen musikalische Leistung ein wohl eher positives Feedback bekommen wird. Gute Leistungen werden sehr gelobt; für schlechte Leistungen gibt es zumindest aufbauende Worte. Alles in allem bietet ein solcher Konzertrahmen den passenden Nährboden, dass sich Schülerinnen und Schüler weiterentwickeln und persönlich gestärkt werden.

Der Schüler steht im Mittelpunkt

Trotz des geschützten Rahmens widerfährt dem Schüler das, was zu jedem Auftritt dazugehört: Lampenfieber. Das Gefühl, welches die Realität verzerrt. Die Hände fangen an zu schwitzen, der Puls erhöht sich und man nimmt seine Umwelt anders wahr. Auch wenn die Auswirkungen von Lampenfieber sehr individuell sind, lässt sich doch behaupten, dass Lampenfieber einen aus der Komfortzone herausholt und der Körper Stresssymptome entwickelt.

Trotz dieser widrigen Umstände müssen Schüler jetzt funktionieren und auf die Bühne treten, um das Erlernte vorzuspielen. Sie müssen nun auf den Punkt funktionieren. Das ist gar nicht so einfach, und setzt voraus, dass das vorzutragende Liedgut im Vorfeld sicher und fehlerfrei einstudiert wurde. An dieser Stelle zeigt sich, ob Schüler und Lehrer in der Zielsetzungs- und Erarbeitungsphase gut zusammengearbeitet haben. Nur wenn sich Schüler und Lehrer für das passende Repertoire entschieden haben, und der Schüler dieses gut einstudiert hat, ist eine fehlerfreie Darbietung möglich. Leidet der Schüler allerdings an Prokrastination, und vertagt das Üben ständig auf den nächsten Tag, wird sich das beim Auftritt zeigen. Musikpädagogen sollten an dieser Stelle das pathologische Verhalten erkennen und mit ihrem Schüler an einer Strategie arbeiten, wie man sich zielführend vorbereitet.

Auftritte sind wichtig und für die musikpädagogische Arbeit unverzichtbar

Vorspiele sind das Salz in der Suppe. Deshalb besteht die Gefahr, dass in den Zeiten von Corona der Musikunterricht fad wird und mittelfristig an Attraktivität verliert. Musikschulleiter und Musikpädagogen sollten nach Möglichkeiten suchen, die entstehende Lücke auszufüllen. Beispielsweise könnte dies durch regelmäßige Audioaufnahmen oder die Erstellung eines Videos kompensiert werden. Beiden Möglichkeiten werde ich mich im nächsten Beitrag widmen.

Christian Rolf
Christian Rolf ist Musikschulleiter in Hannover und langjähriges Vorstandsmitglied im bdfm

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