Was Supervision für Instrumentallehrkräfte leisten kann
Ich mochte ihn zum Glück sehr gerne und es war von Anfang an klar, dass er ein besonderes Kind war. Außerdem hatten wir zu dem Zeitpunkt richtig wilde Musik erfunden. Daher war es also nicht völlig überraschend. Dennoch hätte ich damals gerne jemanden gehabt, mit der/ dem ich diese Situation hätte teilen und verstehen können.
Seit meiner zusätzliche Ausbildung zur Musiktherapeutin, weiß ich, dass ich solche Situationen in die Supervision bringen kann.
Dort kann ich sie in Ruhe anschauen und verstehen. Ich fühle mich schon während der schwierigen Erlebnisse weniger belastet und freier als früher – einfach, weil ich weiß, dass ich damit nicht alleine sein werde. Mein Gegenüber wird meine Kompetenzen nicht anzweifeln. Im Gegenteil: oft weist sie mich auch auf die gelungenen Seiten meiner Reaktion hin, die mir im Stress gar nicht aufgefallen sind.
Die Arbeit als Musikschullehrkraft stellt uns immer wieder vor Herausforderungen.
Viele davon sind nicht in erster Linie musikalisch und manche gehen auch über das Pädagogische hinaus. Wir erleben Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, Jugendliche mit großen Belastungen, die uns ihr Herz ausschütten, und Kommunikationsprobleme mit den Bezugspersonen.
Die meisten von uns jonglieren mit verschiedenen beruflichen Standbeinen und Rollen: Wir sind Lehrer:in, Künstler:in und Organisator:in und es ist nicht immer einfach, die teils widersprüchlichen Bedürfnisse und Erwartungen unter einen Hut zu bringen – zumal viele von uns auch eine Familie haben.
Ab und zu wird uns vielleicht bewusst, dass wir auf eine Art handeln, wie wir es eigentlich nicht möchten, oder wir spüren, dass uns die Vielfalt unseres Berufs auch ganz schön anstrengt.
Die Herausforderungen sind so vielfältig, dass es keine fertigen Lösungen dafür gibt, und wir versuchen täglich neu und spontan das richtige zu tun. Oft gelingt das sicherlich.
Aber was ist mit den Momenten, in denen wir an unsere Grenzen kommen?
Als Musiktherapeutin ist es für mich selbstverständlich regelmäßig zur Supervision zu gehen: Wenn ich an meine Grenzen stoße, damit keine Betriebsblindheit auftaucht, um Entwicklungsprozesse zu begleiten und meine eigene Weiterentwicklung, Fortbildungsideen etc. zu reflektieren.
Für Musikschullehrkräfte ist dies bisher nicht so selbstverständlich. Leider – denn sie machen Beziehungsarbeit, die viele ihrer Schülerinnen und Schüler wesentlich in ihrer Entwicklung begleitet. Diese besondere Beziehung kann dabei sehr viel Gutes bewirken oder eben auch schaden.
Musikschullehrkräfte bringen ihre Lebensrealität mit in die Beziehung und die Musik. Wenn diese an ihre Grenzen stößt, schadet das meist ihrer Fähigkeit, offen und lebendig zu sein. Sie können dann nicht mehr so entspannt mit anderen umgehen und sind auch nicht mehr so begeisternd und kreativ, wie sie es eigentlich sein könnten.
Aus der Erkenntnis heraus, wie hilfreich Supervision ist, habe ich ein Studium für Supervision und Coaching gemacht und möchte dazu beitragen, dass die Arbeit von Instrumental- und Gesangspädagog:innen (und vielen anderen Berufsgruppen) so entspannt, musikalisch und kreativ sein kann, wie möglich.
Langfristig ist es unbedingt erstrebenswert, dass Supervision ganz selbstverständlich ein Merkmal von Professionalität bei Musiklehrer:innen ist. Um zu zeigen, warum das so ist und wie Supervision entlasten kann, möchte ich ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis als Supervisorin geben:
Als Tom Ende der 4. Klasse immer wieder in der Klavierstunde in Tränen ausbrach und selbst nicht wusste, wie das kam, machte sich seine Lehrerin viele Sorgen. Außerdem war da die Angst, dass sie selbst ein Auslöser dafür war. Obwohl Tom immer wieder versicherte, dass er gerne kommt und sie „nichts gemacht“ hätte. In der Supervision entschied sich die Lehrerin, dass sie bewusst das Gespräch mit den Eltern suchen würde. Wir hatten vorher sorgfältig abgewogen, ob es eine zu tiefe Einmischung sein würde. Auch mit der Frage, ob meine Klientin sich tatsächlich so intensiv engagieren sollte, haben wir uns beschäftigt.
Die Mutter erzählte schließlich, dass sie auch eine solche Veränderung bemerkten und selbst recht ratlos seien.
Im Lauf der Zeit zeigte sich, dass Tom auch nicht mehr so schnell und mutig lernte wie in der 3. Klasse. Die Unsicherheit, wie sie damit umgehen sollte, brachte meine Klientin in eine spätere Supervisionseinheit mit, wo wir die zugrunde liegenden Fragen fanden: Soll sie ihn wie früher fordern oder braucht er im Moment den Raum, in dem er nicht funktionieren muss und sich vielleicht auch ganz frei mit Körper, Klavier und anderen Instrumenten ausdrücken darf? Und wenn ja: möchte sie ihm den geben? Und ist das der Auftrag?
Die Lehrerin wollte ihm den Raum geben und das mit den Eltern und Tom möglichst offen besprechen. Mit dem angepassten Auftrag konnten alle entspannter weiter machen. Inzwischen berichtet meine Klientin, dass wieder ganz normale Klavierstunden stattfinden und sie Tom auch gelegentlich herausfordert. Beide sind froh, dass er nicht aufgehört hat.
Mit dem tieferen Verstehen kommen oft auch Lösungen und Handlungsmöglichkeiten
In diesem Fall war es einfach für mich und meine Klientin, weil ich ihre Fragen aus eigener Erfahrung kannte. Aber nicht immer sind mir die Herausforderungen von Supervisandinnen vertraut. Dann müssen sie mir Dinge erklären, die sich irgendwie „selbstverständlich“ anfühlen. Das Interessante ist, dass wir beide dabei einen neuen Blick auf die Situation bekommen. Der Klient öffnet seine Perspektive und versteht durch meine Fragen und Kommentare die Situation neu und besser und ich lerne völlig neue Systeme und Möglichkeiten kennen. Mit Ratschlägen halte ich mich zurück und bin offen für die persönliche Strategie meines Gegenübers. Es geht ganz klar um Ressourcenstärkung und Erweiterung von Spielräumen.
In einer Gruppensupervision verstärkt sich der Effekt der verschiedenen Perspektiven noch und es sammelt sich die Kreativität aller Teilnehmern. Dazu kommt, dass selbst Teilnehmer:innen aus verschiedenen Umfeldern oft dieselben Probleme kennen und sich gegenseitig manchmal nur durch ihr Mitgefühl und Verständnis schon entlasten.
Die Supervisor:in unterstützt diese Selbstwirksamkeit der Gruppe, indem sie einen dafür hilfreichen Rahmen bereitstellt und indem sie Methoden einbringt, die helfen, neue Sichtweisen zu entdecken und sich in bestimmte Situationen konstruktiv einzufühlen. Gelegentlich gibt sie auch fachlichen Input, z.B. zu hilfreicher Kommunikation, Entwicklungspsychologie, Organigrammen von komplexer Kommunikation in Institutionen (wie Musikschulen), Stressmanagment …
Supervisor:innen, die sich besonders Musikern und Musiklehrkräften widmen, gibt es eher wenige.
Der Bedarf wird in Musikschulen und Berufsverbänden oft nicht erkannt – und viele Musiker:innen kommen gar nicht auf die Idee, dass es für viele ihrer Belastungen auch eine Entlastung und Unterstützung geben könnte. Wir sind als Musiker:innen sehr gewohnt unsere Schwierigkeiten alleine zu lösen.
Es gibt viele Supervisoren mit einer fundierten, mehrjährigen Ausbildung, die von der DGSv (Deutsche Gesellschaft für Supervision) anerkannt ist. Die meisten haben einen bestimmen Schwerpunkt. In der Regel haben sie vorher in anderen Berufen Erfahrung gesammelt und bringen diese dann in ihre Arbeit mit ein.
Eine Doppelqualifikation als Musiker:in/ Musiklehrer;in und Supervisor:in ist sehr selten und es gibt nur wenige, die gezielt Musikschulen etc. ansprechen. Es ist aber ein Aufbruch zu beobachten. In meinem norddeutschen Umfeld gibt es verschiedene Projekte: Ein schönes Beispiel ist die Musikschule in Bremen, die Supervision für alle Lehrkräfte in begrenztem Umfang aber sehr unkompliziert und kostenfrei zugänglich macht. An der Musikschule „Hausmusik“ in Hamburg-Eimsbüttel gab es über fast zwei Jahre ein Pilotprojekt mit einer Supervisionsgruppe und auch die staatliche Jugendmusikschule in Hamburg scheint auf dem Weg, Supervision etablieren zu wollen.
Supervision ist auch ein präventives Angebot, deshalb wird ihre Relevanz oft unterschätzt.
Oft gibt es einen akuten Anlass, um Supervision aufzusuchen – aber nicht immer ist dann ein Angebot unkompliziert erreichbar. Dabei besteht gerade darin, nicht erst im Notfall da zu sein, die Stärke von Supervision.
Wenn wir uns mit Herausforderungen allein gelassen fühlen oder auf kein Verständnis mit unserer Unsicherheit treffen, schränkt das unsere Fähigkeit zu handeln und vernünftige Entscheidungen zu treffen ein. Wenn uns das öfter passiert, kann das zu Burnout und psychosomatischen Problemen führen. Das regelmäßige Reflektieren unseres beruflichen Erlebens, ohne dass wir uns be- oder sogar verurteilt fühlen, stärkt allgemein unsere Resilienz. Wir werden toleranter gegenüber Unvorhersehbarem und Herausforderungen. Das baut Stress ab, genauso wie z.B. ein besseres Zeitmanagement oder Klarheit über die eigene Rolle im jeweiligen Kontext.
In so einem druckfreien Reflexionsraum kann die ursprüngliche Kreativität aufblühen und sich in neuen Unterrichtsideen und einer lebendigeren individuelleren Beziehungsgestaltung zeigen. Damit steigen dann Arbeitsfreude und Selbstvertrauen. Das gilt besonders in einer Gruppe mit vertrauten Kolleg:innen.
Woran erkenne ich eine gute Supervision?
- Die Supervisor:in wirbt nicht mit unrealistischen Erfolgsversprechen.
- Bei längerfristigen Vereinbarungen gibt es ein Vorgespräch und einen formalen Vertrag, der im Idealfall auch Inhalte und Ziele (individuell) aufführt.
- Der Supervisor kann über seinen ethischen Kodex Auskunft geben.
- Die Supervisor:in hört zu, stellt Fragen, hat Zeit.
- Der Supervisor gibt selten Ratschläge und urteilt in der Regel nicht über das, was sie/ er erfährt.
- Alle Gruppenmitglieder werden als gleichwertig behandelt und es gibt sowohl Raum als auch sinnvolle Grenzen für individuelle Bedürfnisse.
- Die Supervision ist ein gemeinsames Nachdenken und Erforschen.
- Die Supervisorin ist Begleiterin auch in peinlichen und schmerzhaften Erfahrungen.
Und wann und wo findet sie statt?
- Supervision kann online und in Präsenz stattfinden.
- Sie kann kontinuierlich in einem bestimmten Rhythmus oder bei Bedarf stattfinden.
- Einzelsupervision ist meist in den Räumen der Supervisorin. Üblich sind 60-90min.
- Für Gruppen- oder Teamsupervision kann die Supervisor:in auch in die Institution kommen. In der Gruppe braucht man länger – mindestens 90min.; hier gibt es viele Formate, auch ganze Tage.
Wo finde ich eine Supervisor:in?
- Viele Supervisor:innen haben eine Website
- es gibt auch Listen bei Berufsverbänden z.B. DGSv
Was kostet Supervision?
- Mit 90-150€ für 60min muss man rechnen.
- Viele Kolleg:innen machen die Preise ein bisschen von der Klientel abhängig.
- Gruppensupervision ist erschwinglicher, weil sich die Kosten auf mehrere Personen aufteilen, und mindestens so effektiv – aber zeitaufwändiger.




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