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„Aus der Seele soll er spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel“ – Über die wahre Art, Klavier zu spielen

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Es gibt viele Wege, ein Instrument zu erlernen. Es gibt viele Wege, sich mit Musik zu beschäftigen, über sie nachzudenken und sie als Teil des Lebens zu begreifen.
Und es gibt viele Lehrwerke, Lehrmeinungen und Lehrende, die die vielfältigsten Methoden anwenden, Musik anderen Menschen zu vermitteln.

Bereits vor mehr als 250 Jahren schrieb Carl Philipp Emmanuel Bach sein pädagogisches Großwerk: „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“.
In dieser Zeit musizierten neben professionellen Musikern immer mehr Laien und somit stieg die Nachfrage nach Lehrwerken. Bachs Werk zählt zu den bedeutendsten und ist überhaupt die erste umfassende Schule in deutscher Sprache.

Ein Gesamtkunstwerk
C.P.E. Bach war ein Meister seines Faches und des Wortes. Mit seinem Lehrwerk erschuf er ein Gesamtkunstwerk, noch ehe es diesen Begriff überhaupt gab.
Doch was haben wir heute noch damit zu tun?

Viel. So sehen es zumindest die Schauspielerin Franziska Kleinert und der Pianist Tomas Bächli. Sie nehmen Bachs Werk als Grundlage für ein szenisches Programm, das sie einem musikverbundenen Publikum vorstellen. Sie nennen es „Ein Abend für die Liebhaber kühner Musik und scharfer Gedanken“ oder „Ein Abend für alle, die Klavier spielen, früher einmal gespielt haben oder gerne spielen würden und keine Zeit dafür finden“.

„Diejenigen irren sich, welche ein weitläuftiges Lehrgebäude von mir erwartet haben; ich habe mehr Danck zu verdienen geglaubt, wenn ich das ziemlich schwehre Clavier-Studium durch kurtze Lehrsätze, so viel möglich, leichte und angenehm machte.“ (C.P.E.Bach)

Die Haare nach hinten zum Zopf zusammengebunden mit weißer Bluse und heller Weste verwandelt sich Franziska Kleinert in Carl Philipp Emmanuel Bach und spricht zu ihrem Publikum. Am Flügel sitzt ihr Gehilfe, der Ausführende aller Anweisungen des Lehrmeisters. Oder auch die zweite Gestalt des C.P.E. Bach- der Pianist Tomas Bächli. Er setzt um, was sie erklärt.

Mehr als eine Anleitung
Das Publikum bekommt einen Einblick in mögliche Lehrmethoden, aber vor allem in die Gedankenwelt des Herrn Bach.
Es erfährt über Fingersetzung, über den Gebrauch des Daumens, über die Biegsamkeit der Finger. Es lernt, dass der Schüler ein guter Musiker werden kann, indem er von anderen guten Musikern lernt und ihnen zuhört. Es hört von guten und schlechten Manieren, die ein Schüler zu unterscheiden lernen sollte. Manieren sind im Sinne Bachs Verzierungen, mit denen man nie verschwenderisch umgehen sollte.

Bachs Werk ist eine Anleitung zum Klavierspiel. Die Sprache ist mehr als 200 Jahre alt, der Inhalt hat aber noch heute Bestand.

„Einige Personen spielen klebericht, als wenn sie Leim zwischen den Fingern hätten.“ (C.P.E.Bach)

Die Anweisungen an den Klavierspieler sind im Ton liebevoll, zuweilen provokant und humoristisch, aber vor allem sehr genau und nachvollziehbar.
Franziska Kleinert als C.P.E. Bach lebt den Text, Tomas Bächli vollzieht ihn am Klavier. Die Theorie wird vor den Augen und Ohren des Publikums in die Praxis umgesetzt und demonstriert.

„Man spiele mit gekrümmten Fingern und schlaffen Nerven.“ (C.P.E.Bach)

Die Zuhörenden werden aufgefordert, sich in Toleranz zu üben. Es sei wichtig, sich allen Stilen zu öffnen, die Ohren über die Grenzen und bereits Bekanntes hinaus zu öffnen und neugierig zu bleiben. Durch Vielfalt entstehe Offenheit.

Bach ruft zur Innigkeit auf, zu Gefühl und Ehrlichkeit. Es mache wenig Sinn, seine Finger in Höchstgeschwindigkeit und ohne Sinn und Verstand über die Tasten fliegen zu lassen. Leeres Virtuosentum habe wenig mit Musik zu tun.

„Aus der Seele soll er spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.“ (C.P.E.Bach)

Besinnen und Verweilen
Bachs Werk betrachtet das Musikmachen als großes Ganzes und leitet daraus seine Sicht auf die Welt ab, die viel mit unserem Leben im 21. Jahrhundert zu tun hat. Etwa, wenn er den Leser auffordert, dem Lauten, Schnellen und anderen bloßen Äußerlichkeiten zu misstrauen. Auch heute, so der Pianist Tomas Bächli, sollten wir uns immer mal besinnen und verweilen, anstatt den Ansprüchen hinterher zu jagen, immer alles zu optimieren und noch besser machen zu wollen. Der Mensch hat seine Grenzen.

Der „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ und der Theaterabend, der daraus entstanden ist, ist eine etwas andere Art der Musikvermittlung. Bach hat das Unterrichten, Komponieren und selber Musikmachen als natürliche Einheit verstanden. „Das hatte nicht das Gewollte, was heute bei vielen Musikerziehungs- oder Musikvermittlungsprojekten zu finden ist.“, sagt Tomas Bächli. „Natürlich kann man es so nicht unterrichten, weil die Welt sich verändert hat, aber das Interessante ist, dass er jede Erkenntnis begründet.“

Franziska Kleinert und Tomas Bächli geben dem Werk Bachs ein Gesicht, machen es lebendig und fordern das Publikum auf, die Musik, sich selbst und die Sicht auf die Welt immer wieder neu zu überdenken.
Das Nachdenken geschieht vor allem dann, wenn Bächli Klavier spielt, Werke von C.P.E.Bach, aber auch Claude Debussy und Arnold Schönberg.


Franziska Kleinert liebt die Großzügigkeit des Werkes. „Bach legt sich nicht fest. Er sagt nicht, so oder so muss es sein. Er hat eine Art der Betrachtung, die man auch auf sich und die Welt beziehen und sich selbst in ihr immer wieder überprüfen kann.“

„Was mich auch sehr anrührt, ist der Optimismus, den er (Bach) dabei hat: wir werden immer weiterkommen. Und das ist ja etwas, was heute niemand mehr sagt. Wir sind irgendwie ein kulturelles Crescendo, wir werden immer besser. Das kann man anzweifeln, aber es rührt mich an, wenn heute nur noch von Kulturzerfall gesprochen wird und gesagt wird, wir werden immer dümmer, die Schulen immer schlechter, dann find ich die Aussagen dagegen von C.P.E. Bach sehr wohltuend.“ (Tomas Bächli)

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Susann Krieger
Susann Krieger studierte Korrepetiton/ Musiktheater (HfM Dresden) und Rundfunk-Musikjournalismus (HfM Karlsruhe). Sie arbeitet als freie Autorin für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten (u.a. WDR, BR, MDR, SWR) und unterrichtet Klavier. 2017 erhielt sie den Deutschen Radiopreis für die beste Reportage und wurde für den Prix Europa nominiert.

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