Gerda Bächli

Musik begleitete Gerda Bächli durchs Leben – im Elternhaus, als Radiojournalistin, Komponistin, Musikpädagogin und schließlich bei ihrer Arbeit mit Menschen wie Pöpper. 
Tomas Bächli, selbst ein Musiker, erinnert sich an seine Mutter.

Gerda Bächli (1921–2013) ist vor allem für ihre unprätentiösen schweizerdeutschen Kinder­lieder bekannt. Sie sind meist mit Bewegungen verknüpft. Zum Beispiel im Lied «Es Büsi» aus der Sammlung «Es Huus voll Musig»: Die Kinder sollen einen selbst gebastelten Katzenkopf aus Papier auf den rechten Mittel­finger stecken und beim Singen mit den Fingern dieser Hand langsam den linken Arm hinauf­spazieren. Dem Singen tut das gut. Denn beim Versuch, schön und richtig zu singen, kann sich die Stimme leicht verkrampfen. Die Bewegung lockert die Atmosphäre auf. Im Filmporträt Lebendigkeit mit Musik von Koloman Kallos und Sandra Lutz Hochreutener wird diese Seite des Lebens dieser Frau ausführlich dokumentiert.

„Lebendigkeit mit Musik“

Mit ganz unterschiedlichen Dingen hat sich Gerda Bächli beschäftigt. Fast alle hatten mit Musik zu tun. Was war aber ihre Haltung zu Musik ganz allgemein? Dieser Frage bin ich nachgegangen – als Musiker und als ihr Sohn.

Musikalische Altersvorsorge

In ihren letzten Lebens­jahren hatte meine Mutter das Bedürfnis, auf dem Klavier einige Stücke zu lernen, und sie bat mich, ihr dabei zu helfen. Es ging ihr nicht um ihre Finger­fertigkeit (sie spielte schön und sehr frei), und keineswegs hatte sie vor, die erlernten Werke einem Publikum vorzuspielen. Sie wollte diese Musik in ihrem Gehör abgespeichert haben, als Vorrat für den Fall, dass ihr andere Beschäftigungen wie das Lesen nicht mehr möglich wären. Es ging ihr um geistige Alters­vorsorge. Darin steckte auch ein Bekenntnis zur Autonomie der Kunst. Musik braucht keinen gesellschaftlichen Zusammen­hang, sie ist einfach da, wie ein Lebe­wesen, mit dem man gerne Zeit verbringt, und sei es nur in der Erinnerung.

Gerda Bächli, geborene Frey, ist in einem Musiker­haushalt in Zollikon ZH aufgewachsen. Ihre Eltern, die Sängerin Alice Frey und der Pianist Walter Frey, traten oft gemeinsam auf. Viele bekannte Musiker verkehrten in dem Haus. Schwer­punkte im Repertoire des Ehepaars Frey waren das Werk von Johann Sebastian Bach und die Musik der damaligen Moderne. Walter Frey war mit Paul Hindemith befreundet und spielte unter anderem den Klavier­part bei der Uraufführung von Alban Bergs «Kammerkonzert». 

Es war eine anregende Umgebung, aber auch ein in sich abgeschlossenes Biotop. Eine Lauf­bahn als Sängerin brach meine Mutter frühzeitig und ohne Bedauern ab. Sie wurde stattdessen Journalistin für das damals neue Medium Radio – eine Befreiung, auch im Hinblick auf ihren Umgang mit Musik. Da die Musik nicht ihr Beruf war, musste sie auch nicht gerecht in ihrem Urteil sein und konnte bedeutende Komponisten, die ihr zuwider waren, einfach ignorieren und sich ganz auf die Musik konzentrieren, die ihr nahestand. Wie vielen ihrer Generation waren ihr die meisten Spät­romantiker fremd. Sie hatte eine Vorliebe für Musik, die mit weniger Noten auskam: Joseph Haydn, Anton Webern.

Hören, singen, erleben

Jahrzehnte später, da war sie schon fast fünfzig, begegnete sie im Schweizerischen Epilepsie-Zentrum in Zürich Menschen, deren Krankheit zu einer chronischen Behinderung geführt hatte. Sie begann mit ihnen zu musizieren und machte daraus ihren Hauptberuf. Zunächst arbeitete sie im Epilepsie-Zentrum, dann, bis zu ihrer Pensionierung 1986, im Wagerenhof Uster.

War meine Mutter eine Musik­therapeutin? Sie selbst hat sich nie als das gesehen. Musik­therapie hielt sie durchaus für sinnvoll, doch sie sagte, sie mache etwas anderes: nämlich Musik mit Menschen, die mit einer Behinderung wie etwa dem Down­syndrom leben. Dabei ging es nicht um Heilung, sondern um Kontakt. Die Musik ermöglichte es ihr, mit Menschen zu kommunizieren, die kaum oder gar nicht sprechen können

Man nannte ihn Pöpper

Worauf es ihr ankam, war das Zuhören. Wie reagieren Menschen mit einer Behinderung auf Klänge? «Da kann man von ihnen viel lernen.» Was sie damit meinte, hat sie in ihrem Buch Pöpper erzählt. Es besteht aus Fotos und kurzen Texten und handelt von einem jungen Mann, der im Wagerenhof Uster lebte. Für Pöpper war alles Musik, auch die Sprache, denn er kannte die semantische Bedeutung der Wörter nicht. Man nannte ihn Pöpper, weil er überall «pöpperlete», Gegenstände auf ihren Klang hin überprüfte. Er erfasste Klänge aus dem Moment heraus. Seinen bürgerlichen Namen hat meine Mutter aus Gründen des Persönlichkeits­schutzes nie erwähnt.

Von Pöpper habe ich gelernt, wie aufregend und wunderbar ein einzelner Klavier­ton sein kann. Doch nicht jeder Ton ist für ihn gleich interessant. Lange und aufmerksam sucht er auf der Tastatur, bis er einen gefunden hat, der ihm zusagt. Dann hält er ihn fest, solange er kann. Sein ausgezeichnetes Gehör genügt ihm nicht, er legt auch noch die Stirn ans Instrument, um die Vibrationen zu spüren. Und dann genießt er und ist durchaus zufrieden.

Gerda Bächli

In der Musik stehen das Elementare und das Komplexe in einer ständigen Wechsel­beziehung, manchmal schlägt das eine ins andere um. Es hängt davon ab, wie wir an die Musik heran­gehen. Betrachten wir eine Partitur, dann erscheint ein einzelner Ton als Punkt oder als winziger Kreis, als kleinster Baustein einer Komposition. Auf einem Sono­gramm jedoch erscheint derselbe Klavier­ton als komplexe Mixtur einer Grund­schwingung und ihrer Obertöne. Diesem Gemisch geht ein geräuschhafter Einschwing­vorgang ohne regelmässige Proportionen voraus. Dieser Vorgang, dieses Einschwingen, ist für unsere Vorstellung des Klavier­klangs entscheidend. Ein Klavier­bauer verwendet viel Zeit darauf, all diese Eigenschaften eines Klavier­tons miteinander auszubalancieren. Pöpper war die Idee einer Komposition, des kunstvollen Zusammen­setzens von Klängen, wahrscheinlich fremd, und genau deshalb konnte er sich beim Zuhören auf das Universum eines einzelnen Klangs konzentrieren.

Der freie Klang

Als Hörer erlebe ich in Konzerten immer wieder, dass mich einzelne Klänge, etwa ein Gong­schlag oder die tiefen Töne einer Bass­klarinette, stärker faszinieren als die Komposition selbst. Das hat nichts mit der Qualität des Werks zu tun, es ist eher eine Frage der Hör­haltung: Ich erlebe solche Momente als eine Befreiung und ein Korrektiv gegen das analytische Hören. 

Denn eine Höranalyse lebt vom Vergleich: Ein klangliches Erlebnis wird mit bestehenden Hör­erfahrungen in Beziehung gesetzt. Das ist eine legitime Methode, sich einer Musik zu nähern, doch gleichzeitig birgt sie die Gefahr, dass wir als Hörer in eine starre Erwartungs­haltung geraten. Wir wollen dann Musik unbedingt einem System zuordnen, etwa einer Tonalität oder einem überkommenen Form­schema. Oder wir versuchen eine Komposition so schnell wie möglich historisch einzureihen, sei es ins Œuvre des Komponisten, sei es in den Stil seiner Zeit. Auch das kann uns an der direkten Wahrnehmung der Klänge hindern. Und ohne diese Direktheit, ohne das spontane Hör­erlebnis, wird die Beschäftigung mit Musik sinnlos.

Meine Mutter hat sich nie von der Musik ihres Elternhauses abgewendet, trotz aller kritischen Distanz. Mit Pöpper zu musizieren, Bachs Suiten auf dem Klavier zu üben oder Konzerte mit neuer Musik zu hören – das gehörte für sie alles zusammen.

Einer erzwungenen Demokratisierung von Kunst stand sie allerdings skeptisch gegenüber. Sie war überzeugtes Mitglied der Sozial­demokratischen Partei der Schweiz, nur wenn es um Kultur­politik ging, hatte sie Bedenken. Sie fürchtete die Forderung nach einer Kunst fürs Volk, wie sie damals von vielen Linken propagiert wurde. Verordnete Volks­tümlichkeit, war sie überzeugt, führt zur künstlerischen Mittelmässigkeit.

Immer hat mich meine Mutter ermutigt, nur Musik zu spielen, die ich für relevant halte, ohne Rücksicht auf die Mehrheits­meinung. Doch eine minoritäre Haltung muss mit Leben erfüllt sein, sonst droht auch ihr die Erstarrung, sie gerät zur Aussenseiter­pose. Für mich als Musiker ist es die grösste Herausforderung, mich von all diesen Klischees zu befreien und nur der eigenen Wahrnehmung zu folgen.
Diese fundamentale Einsicht habe ich auch Pöpper zu verdanken.

Dieser Text ist am 10. Mai 2019 im Schweizer Magazin „Republik“ erstmals veröffentlicht worden.

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Der Film

„Lebendigkeit mit Musik – Gerda Bächli Pionierin der Elementaren Musikpädagogik & der Musiktherapie“ wird im ältesten Kino Berlins gezeigt:

Mittwoch, 20. November 2019,
19.00 bis 21.00h
Kino Moviemento, Kottbusser Damm 22, 10967 Berlin

Tomas Bächli
Tomas Bächli, 1958 in Zürich geboren ist Konzertpianist, Klavierlehrer und gelegentlich Musikschriftsteller. Im Hörsaal Boxhagenerstrasse, einem Raum für c.a. 50 Personen, experimentiert er mit neuen Konzertformen. 2016 erschien im Verbrecherverlag sein Buch über den Komponisten Satie "Ich heisse Erik Satie wie alle anderen auch". Mit der Schauspielerin Franziska Kleinert führt er eine szenische Realisation von C.P.E Bachs "Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen" auf.

1 KOMMENTAR

  1. Vielen Dank für den Artikel und vor allem für den Filmtipp! Seit Jahren stoße ich in diversen Kinderliederbüchern immer wieder auf die Lieder von Gerda Bächli und erlebe, dass ihre Lieder einen besonders direkten Anklang bei Kindern finden und die Interessen der Kinder auf musikalisch ansprechende und berührende Art verarbeiten.
    Ich bin gespannt, durch den Film mehr über diese inspirierende Musikpädagogin zu erfahren!

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