Ein Erfahrungsbericht

Im Januar 2018 kommt der Komponist David Graham mit einem spannenden Projekt an die Max-Reger-Musikschule in Hagen. Im Juni soll in einem Konzert des Philharmonischen Orchesters das Oratorium „Toward a Season of Peace“ des amerikanisch-persischen Komponisten Richard Danielpour aufgeführt werden. Das ambitionierte Werk beschreibt den Weg von Krieg und Zerstörung hin zu Frieden mittels Vergebung. Ausgehend davon sei ein Aktionstag in der Stadthalle geplant, an dem verschiedene Hagener Ensembles sich mittels selbst komponierter Werke auf die Thematik einlassen sollen. In Anlehnung an das Oratorium und die Idee, bei aller Unterschiedlichkeit das Gemeinsame herauszuarbeiten, wird das Projekt „Auf_Nach_Wir“ genannt. David Graham betreut das Vorhaben als künstlerischer Leiter und übermittelt mir den Wunsch des Theaters, dass sich meine inklusive Band „Together“ daran beteiligen soll. Wir vereinbaren einen ersten Probenbesuch.

15 Jahre integrative Band „Together“

„Together“ besteht nun ziemlich genau 15 Jahre, und manchmal witzeln wir darüber, daß wir gerade in der Pubertät sind. Nach einem großen, von uns organisierten Festival inklusiver Bands im Herbst 2017 sind alle Band-Mitglieder ein wenig ausgebrannt. Drei Musiker mussten uns verlassen, dafür stellt sich gerade ein neuer Schlagzeuger vor. Wo die künftige Entwicklung inhaltlich hingehen wird, wissen wir Anfang 2018 noch nicht. Ich habe mich eigentlich auf eine längere Phase eingestellt, in der wir uns neu sortieren und finden können.

Als David Graham von der geplanten Veranstaltung auf großer Bühne berichtet, sind trotzdem alle begeistert. Als ich weiter erkläre, daß wir den Auftrag haben, etwas zu komponieren und von Schlagworten wie Flucht und Heimat spreche, schaue ich allerdings in ratlose Gesichter.

Wie Krieg und Frieden klingen

„Also Krieg klingt für mich so“, ruft unser Drummer und legt mit einem fulminanten Schlagzeuggewitter los. Er ist erst elf, das zweite Mal dabei und mit Abstand der Jüngste bei uns. Aber auch der Lauteste. „Und wie klingt dann Frieden?“, fragt David Graham in sein Spiel hinein. Aber die Frage geht im Raum verloren; unsere autistische Pianistin hat bereits mit ihrem eigenen Programm begonnen, dem Bassisten fällt auf, dass er das Stimmen vergessen hat, alle kommunizieren kreuz und quer, und unser Sänger ruft dazwischen: „Können wir nicht erst spielen und dann warten?“

Gleich am nächsten Tag schickt David Graham mir Textvorschläge für unsere Komposition, eindrucksvolle Lyrik von geflüchteten Jugendlichen. Sie berühren mich, fühlen sich in Bezug auf meine Band aber fremd an. Kaum jemand in der Gruppe hat Bezug zu weltpolitischem Geschehen. Wie soll man etwas komponieren, was man nicht versteht? Dabei kommt mir der Gedanke, daß gerade behinderte Menschen mit Lebensrealitäten konfrontiert sind, die denen Geflüchteter gar nicht unähnlich sind. Verlorenes Zuhause, Verlust und häufiger Wechsel von Bezugspersonen, Eingrenzung der Selbstbestimmung, das Unvermögen, Gedanken und Bedürfnisse kommunizieren zu können – das alles kenne ich aus meiner Arbeit. Gesehen und gehört werden, das gelingt oft nur über die Musik. Und so beschließen wir in der nächsten Probe: wir schreiben einen Song über uns selbst.

Wir beginnen spielerisch. Mein Kollege an der E-Gitarre und ich am Klavier werfen ein musikalisches Motiv in den Raum. Es besteht nur aus zwei Takten. Der Bassist sucht die Grundtöne, die Pianistin fingert sich die Pattern zusammen, und wir „grooven“ uns ein. Es dauert nicht lange, und unser Sänger beginnt, auf unser Motiv kurze Einwürfe zu lautieren. Er ist blind und hat ein absolutes Gehör. Sein Partner am Keyboard bekommt eine Skala und denkt sich die passenden Gegenstimmen dazu aus.

Wir spielen, improvisieren und experimentieren in den nächsten Proben mit dem bisherigen Material herum; wiederholen, erweitern und verwerfen. So langsam entsteht eine Strophe daraus.

Spielen, nicht warten

Unser Sänger ist ungeduldig, wenn wir uns in Details vertiefen. „Müssen wir noch warten?“, fragt er hartnäckig. Auch unser Schlagzeuger verliert irgendwann die Geduld. Durch seine Alkoholembryopathie ist Konzentration eine große Herausforderung für ihn. Er wird zappelig, bricht aus und spielt mitten ins Geschehen einen Swingrhythmus. Die Anderen finden das lustig und steigen darauf ein. Unser Keyboarder ist blind, verliert kurz die Orientierung und beginnt eine eigentlich stimmige Melodie auf einem falschen Ton. Das klingt so herrlich schräg, dass ich ihn ermuntere, das zu wiederholen. Ich setze unseren Cajonspieler, der auch Klavierunterricht bekommt, an das zweite Keyboard und lasse ihn dieselbe Melodie, nur vom richtigen Ton aus spielen. Das Thema läuft jetzt im Sekundabstand. Selbst unserer sonst so ernsten Pianistin huscht ein Lächeln über die Lippen. Wenn schräg, dann richtig schräg. Ich probiere mit ihr herum, und am Ende spielt sie eine chromatische Tonleiter abwärts, gekrönt von einem Cluster.

Nach der Probe hallt die Melodie noch länger im Treppenhaus nach. Alle summen beschwingt vor sich hin, und mein Kollege ruft: „Wir haben einen Refrain!“

Der Song entsteht

Während der Song musikalisch wächst, gehen wir auf Textsuche. Ich befrage die Musiker ganz neu, nicht nach Krieg und Frieden, sondern nach ihren Ängsten und Vorlieben. Heraus kommt ein ungefiltertes Durcheinander, eine Spannbreite zwischen „Karamellpudding“ und „Aggression“. Ich habe in all den Jahren gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Die einsilbigen Antworten beinhalten oft so viel mehr, als es im ersten Moment scheint. Uns ist wichtig, dass wird genau deshalb auf ausformulierte Sprachpassagen verzichten und beginnen, mit kurzen Textfloskeln zu experimentieren.

Unsere Sängerin ist mal wieder in der Probe. Wir sehen sie oft über Wochen nicht, ein Kindheitstrauma erschwert ihren Alltag. Wir nutzen ihre Anwesenheit und lassen sie die Textfragmente singen. Was passt, wird von meinem Kollegen und mir nach Sprachrhythmus geordnet.

„Müssen wir noch warten?“, fragt unser Sänger einmal mehr. Dieser Einwurf gehört inzwischen so fest ins Setting, dass wir gar nicht anders können, als ihn mit einzubauen:

„Fernsehn, Zimmer, Schreiverbot“
„Wir müssen warten“
„Saiten reißen, Klänge beißen“
„Wir müssen warten“

Wir müssen daran nichts proben, alles läuft wie von selbst. Wir dichten aus dem Stand eine textliche Überleitung zu unserem Refrain:

„Wir wolln nicht länger warten
Rumstehn und nix tun
Warten könnt ihr selber
Wir haben Besseres zu tun“

Als dann alle begeistert mit unserem schrägen Ohrwurm loslegen, beschließen wir schnell, auf weiteren Text zu verzichten und die Band einfach sich selbst spielen zu lassen. Unser Sänger macht derweil, was er immer mit Begeisterung tut – er moderiert uns an.

Es ist ein Riesenspaß, die Band wird nicht müde, das neu Entstandene immer und immer zu wiederholen. Nun müssen wir nur noch ordnen, alles strukturiert zusammenfügen und proben.

Unsere beiden Keyboarder sind sehbehindert, wir üben die Orientierung auf den Instrumenten für den schnellen Ablauf der Teile. Auf einem Keyboard setze ich Markierungen für den Tastsinn. Unsere Saxophonistin bekommt die Aufgabe, klanglich zu experimentieren und akustische Akzente zu setzen. Unsere Schlagwerker, beide mit einer geistigen Behinderung, können aus mehreren Percussion-Instrumenten wählen. Es ist schwierig für sie, ihre Parts immer an der richtigen Stelle einzubringen.

In einer Probe fügen wir spontan eine zweite Bridge ein:

„Freitag Abend, neunzehn Uhr
Treppenhaus, Hall im Flur
Fahrstuhl rein, dritter Stock
Tür geht auf, Together rockt“

Nun bekommt unser Schlagzeuger sein großes Solo. Er hat sich inzwischen in die Band eingefunden, als wäre er schon immer da gewesen. Da „Together“ gerade komplett ohne Noten spielt, hat er die verantwortungsvolle Aufgabe, die Struktur des Songs anzugeben.
Die Proben sind lebendig und machen Spaß; manchmal überwiegt aber auch das Chaos, und ich frage mich, ob wir mit unserem Stück in ein so intellektuell angelegtes Projekt passen.

Dazu kommt Zeitdruck. Die Wochen scheinen nur noch aus Ferien, Feier- und Brückentagen zu bestehen, und alle fallen auf unsere Probentage.

Die Aufführung

Am Tag des Auftritts herrscht das übliche Durcheinander. Das Theater schickt uns einen zu kleinen Transporter, wir schleppen, bauen auf und müssen sechs Stunden auf die Anspielprobe warten. Einige der Musiker kommen nicht zum verabredeten Ort, andere zur falschen Uhrzeit. Als wir endlich zum Soundcheck auf die Bühne dürfen, fehlen Schlagzeugteile. Das Headset unseres Sängers hakt. Aufgrund seiner spastischen Lähmung kann er kein Mikrophon halten. Dem Bassisten fehlt ein Kabel.

Das Konzertprogramm ist eine vielseitige kompositorische Auseinandersetzung mit den Grundgedanken des Projekts; sie werden in kontrastierenden musikalischen Parametern besungen, gerappt, mal auf einem riesigen Instrumentarium gespielt, mal in intimer Besetzung, sogar verpackt als Soundcollage.

Dann dürfen wir auf die Bühne. Die Moderatorin fragt mich, wie wir auf den Titel unseres Songs gekommen sind. Ich setze an:

„Also was unser Sänger am allerwenigsten mag, ist…“
„… warten, oder!?“, jauchzt er ebenso nahtlos wie überschwänglich ins Mikro.

Das Publikum nimmt sofort begeistert Anteil. Man sieht sie nicken, klatschen, lachen. Manche singen sogar mit. Lebensfreude ist ansteckend und läßt all die erschütternden Lebensverläufe in den Hintergrund treten. Während des Spielens wird mir bewußt: die Grundaussage unserer Komposition ist unser Tun an sich.

Musik ist Heimat!

Constance Boyde
Constance Boyde studierte Klavier und Instrumentalpädagogik (Hochschule für Dresden) sowie Musiktherapie (Universität Witten/Herdecke). Sie arbeitet am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke in den Bereichen Kinder- und Jugendpsychosomatik, Pädiatrische Onkologie und Neonatologie und als Fachbereichsleiterin für Sonderpädagogik an der Max-Reger-Musikschule Hagen.

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