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Richtig üben: So geht’s

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Foto: Fotolia

Zum Erlernen eines Instruments gehört auch das Üben. Lästig, aber es muss sein. Doch wie bringe ich meinem Schüler bei, richtig zu üben? Und wie schaffe ich es, dass er daran auch Spaß hat? msi-Autorin Eva Rabak hat sich dieses Themas etwas genauer angenommen und gibt die richtigen Tipps.

„Ich übe gerne!“

Diesen Satz bekommen wir Lehrer eher selten zu hören. Das Gegenteil geschieht wesentlich öfter, gefolgt von ausführlichen Beschreibungen und detaillierten Schilderungen der vergangenen Woche, die es dem Schüler schier unmöglich machten, zu üben. Was können wir daran ändern? Üben muss jeder, der Musik machen will. Sei er nun Anfänger, Laie oder Profi. Dieses „müssen“ allerdings ist eine selbst auferlegte bzw. eine von anderen, beispielsweise des Lehrers oder der Eltern verordnete Pflicht. Zudem können viele Schüler mit dem Begriff „Üben“ wenig anfangen.

Das wichtigste am Üben ist, dass wir Lehrer genug Motivation und Erfolgsmomente schaffen, die den Schüler dazu bringen, selbst üben zu wollen. Mit den richtigen Rezepten und Ideen kann auch das Üben (mehr) Spaß machen!

Was ist „Üben“?

Definiert wird „Üben“ als ein durch Wiederholungen erfolgendes Lernen und Vervollkommnen einer praktischen Tätigkeit. Es gibt viele verschiedene Übe-Tätigkeiten oder Übe-Kulturen – man denke nur an die verschiedenen Instrumentengruppen!

Üben in unserem Sinne ist vor allem:

  • ein feinmotorischer Bewegungsablauf (lange eingeübt und konditioniert)
  • ein hohes Maß an Konzentration, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit
  • die Bereitschaft zur regelmäßigen Wiederholung (Geduld und Ausdauer)
  • eine möglichst genaue (Klang-)Vorstellung vom Ziel des Übens

Erfolgreich verlaufendes Üben beruht auf guter Selbstwahrnehmung, Selbstkritik, der Bereitschaft zu Veränderung sowie der Bereitschaft, ein geeignetes Maß an Zeit dafür aufzuwenden.

Achten Sie auf eine einfache und bildhafte Kommunikation

Wir Lehrer haben diese klare Vorstellung vom Üben – unsere Schüler dagegen (noch!) nicht. Die meisten unserer Kinder sind im Grundschulalter, wenn sie mit ihrer musikalischen Laufbahn am Instrument beginnen. Für sie sind Begriffe, die für uns alltäglich sind („achte auf die Linie“, „etwas mehr crescendo“ oder „nein das a1!!“), absolut nicht nachvollziehbar und zu abstrakt.

Mit dem Begriff „Üben“ ist es das Gleiche!

Zuerst einmal können Kinder und Jugendliche noch nicht in dem Ausmaß üben, wie wir es als Lehrende tun. Das bedeutet, dass wir ihnen genaue Anleitungen, Tipps und Übe-Rezepte mit auf den Weg geben müssen – und dies in passender kindgerechter Sprache. Sinnvoll ist es, mit dem Schüler gemeinsam Übe-Rezepte in seiner (je nach Alter angepassten und einfachen) Sprache festzulegen. Ich selbst spiele meinen Schülern gerne die klanglich und technisch richtige Variante vor und frage sie, wie das für sie klingt und was sie noch verbessern müssen, damit es bei ihnen genauso klingt. Anschließend steht im Hausaufgabenhaft nicht (wie so oft) S. 25 wiederholen! sondern: S. 25: rechte Hand wie eine Schlange (gemeint: legato), linke Hand in der zweiten Zeile nicht so faul – Trampolin!!(gemeint: bei den Pausen abheben und staccato)

So können sich unsere Schüler unter der Aufgabe auch zu Hause noch etwas vorstellen und dies auch besser umsetzen!

Wichtig sind:

  • kurze Anweisungen
  • kindgerechte Formulierungen
  • Hausaufgaben – oder Skizzenhefte

Hausaufgabenheft

Das Hausaufgabenheft ist ebenfalls eine große Hilfe für die Übe-Organisation und Kontrolle. Ich überreiche meinen neuen Schülern meist zur 3. Stunde quasi als „Ritterschlag“ ein eigenes Hausaufgabenheft (mit Notenlinien und Zeilen). Jedes Kind freut sich darauf, sein eigenes Notenheft zu haben und stolz seinen Namen eintragen zu können. Es freut sich über kleine Eintragungen und positive Rückmeldungen, wie zum Beispiel das Abhaken einer erfüllten Aufgabe, Sticker oder kurze Beurteilungen.

Ein großer Vorteil der Hefte ist der, dass man alle Übe-Rezepte und damit einen Mini-Katalog eintragen kann und dem Schüler so einen Überblick über verschiedene Möglichkeiten gibt. So werden die unterschiedlichen Übe-Tipps nicht vergessen.

Ebenso wichtig ist es, die Hausaufgaben gleich nach dem erarbeiteten Stück einzutragen und nicht unter Stress und Zeitnot am Ende der Stunde, wenn der Schüler im Kopf schon woanders ist. Noch besser ist es, die Notizen gemeinsam mit dem Schüler zu machen und die für ihn passenden Worte aufzuschreiben.

Anmerkung der Redaktion: Falls Sie ein eigenes Hausaufgabenheft drucken lassen möchten, das Sie an Ihre Schüler verschenken, so können Sie sich unter folgendem Link eine kostenlose Druckvorlage herunterladen:

kostenloses Hausaufgabenheft für den Musikunterricht

Grundlagen und Vorwissen

Einem Schüler hilft es sehr, wenn er einen Bezug zum Stück herstellen kann. Ein Lehrer kann im Vorfeld mit ihm über den Komponisten sprechen, über die Zeit, in der das Stück geschrieben wurde, über besondere Spielarten auf dem Instrument.

Alles, was der Schüler bei einem Werk lernen kann, beschleunigt den Lernprozess und verbessert die musikalischen Fertigkeiten auf Dauer. Kann der Schüler beispielsweise sein Instrument und/oder die Entstehung des Stückes verstehen und nachvollziehen, wirkt sich das immer positiv auf den Vortrag des Stückes aus.

Das perfekte ÜbeRezept? Oder – wie übt man richtig?

Abkürzungen und Tricks?

Der Begriff „Üben“ ist oft negativ besetzt. Daher bevorzuge ich die Worte „Musik machen“ oder „musizieren“.

Ich habe es mir persönlich angewöhnt, vor allem Schüler, die mit sechs oder sieben Jahren bei mir anfangen, dazu aufzufordern, jeden Tag Klavier zu „spielen“ und „Musik zu machen“. Erst später kommt dann die Unterscheidung zwischen „Üben“ und „Spielen“. Mit fortschreitender Entwicklung muss man die „Spielaufgaben“ allerdings deutlicher formulieren. Hier erarbeite ich mit dem Schüler ganz individuell, welche Stücke er wie zu spielen hat. Ein Beispiel wäre hier meine Schülerin Nathalie (sieben Jahre alt, seit acht Monaten im Unterricht). Wenn es nach Nathalie gehen würde, würden wir nur spielen und nie üben. Aus diesem Grund gibt es das „Foto-Spiel“ oder das „Plus-1-Spiel“. Erstaunlicherweise funktioniert eine spielerische Herangehensweise ohne das verteufelte Wort „Üben“ sehr gut!

Beim Foto-Spiel wird gezielt ein (vorgestelltes) Foto von der Stelle geschossen, die für Nathalie am schwersten ist. In Absprache mit ihr kommt nun dieses Foto ganz zu Anfang ihres täglichen „Klavierspielens“ dran. Je nachdem wie gut die Stelle noch geübt werden muss, einigen wir uns auf eine Anzahl an Foto-Wiederholungen. Gibt es mehrere „Fotos“ im Stück, werden diese von der Schülerin farblich hinterlegt und es wird eine Spiel-Reihenfolge nach Schwierigkeit festgelegt. Beim „Plus-1-Spiel“ gibt es kleine Post-its, die jeweils vor und nach einer komplizierteren Stelle geklebt werden. Zuerst klebt man die Post-its genau neben die 2-3 Töne, die fehlerhaft sind, danach wird immer ein Zettel eine Note vor/ nach hinten verschoben und die Stelle nach und nach im Zusammenhang geübt.

Betrachtet man dies genauer, wird klar, dass Nathalie natürlich auch übt – und das sehr konzentriert und fleißig. Allerdings bewältigt sie es spielerisch und mit sehr viel Freude (vor allem wenn die Fotos in hochauflösender Qualität anschließend perfekt vorgespielt werden können).

Was ist nun wichtig?

  • Gehen Sie individuell auf Ihre Schüler ein.
  • Erarbeiten Sie differenzierte Lernrezepte.
  • Motivieren Sie Ihre Schüler und wecken die Freude am Musikmachen.
  • Nutzen Sie kreative Alternativen zum Wort „Üben“.

Übe-Tipps:

1. Lernbausteine

Es hilft, die zu übende Stelle in Muster oder sogenannte „Chunks“ (= kleine musikalische Einheiten) zu gliedern. Diese bleiben so besser im Gedächtnis haften und unterstützen den Lernprozess.

„Foto-Spiel“, „Plus-1 Methode“

2. Assoziationen

Kinder können Assoziationen und Bilder viel besser nachvollziehen und umsetzen als Erwachsene. Sie können zum Beispiel einzelne Takte gewissen Gefühlen und Eindrücken oder Farben und Formen zuordnen. Wichtige Stellen könnten sie farbig in die Noten malen, um sich besser zu merken.

Für Technik und Theorie sind Bilder absolut wichtig, um sich im Gedächtnis der Kinder festzusetzen.

Eine Assoziation zur Handhaltung, die rund und locker ausfallen sollte, könnte diese sein: Der Schüler stellt sich vor, dass unter seiner Hand eine kleine Maus entlang der Klaviertasten laufen soll. Hält der Schüler die Hand zu tief, passt sie nicht mehr durch. Hält er sie zu hoch, kann sie weglaufen oder vom Klavier fallen. Kritisieren Sie nicht die Handhaltung, sondern fragen Sie einfach nach dem Weg der Maus.

3. Gemeinsames Analysieren des Stückes

Kennt das Kind das ungefähre Partiturbild, auftretende Wiederholungen und den groben Ablauf, kann dies zum einen motivierend (die Wiederholung kann es ja schon!) und für den musikalischen Ablauf sehr wertvoll sein. Dies kann je nach Progression und Alter der Kinder mit Tieren/ Farben/ Wörtern belegt werden. (Teil A = der Vogel, Teil B = die Schlange, Teil A usw.). Ebenso sinnvoll kann es sein, laut mitzusprechen und bestimmte Zahlen für Abschnitte im Stück zu verwenden. Beides hilft der verstärkten Verankerung im Gedächtnis.

4. Spannende Wiederholungen

Die Wiederholung – quasi unsere so genannte „Mutter“ des Lernens.

Hilfreich ist es, wenn man von vornherein Wiederholungsdurchgänge einplant und eine feste Anzahl (zu Beginn 3-5, nicht mehr) ausmacht. Dies fördert die Konzentration und die gute Laune. Integrieren Sie Wiederholungen von vornherein in den Musikunterricht und versuchen Sie diese spannend zu gestalten.

„Und jetzt wie eine Maus/ Katze/ Elefant!“, „Kannst du dies auch wie auf dem Trampolin spielen (staccato)?“

5. Das Prinzip der rotierenden Aufmerksamkeit

Das Prinzip der rotierenden Aufmerksamkeit – nach Gerhard Mantel – besagt, dass man sich nicht gleichzeitig auf alle Parameter (Rhythmus, Noten, Tasten, Klang) konzentrieren kann. Greifen Sie einen Aspekt nach dem anderen heraus!

  • erst die linke, dann die rechte Hand
  • erst der Rhythmus, dann die Melodielinie usw.
  • auswendig/ mit geschlossenen Augen spielen – Melodielinie singen – tonlos spielen

Setzen Sie erst danach die einzelnen Teile wieder zusammen. Es ist ganz natürlich, dass wir nicht alles gleichzeitig beachten können! Erklären Sie dem Schüler, dass es völlig normal ist, erst einmal die einzelnen Teile zu erarbeiten und dann alles gemeinsam.

6. Pausen sind wichtig!

Nach einer gewissen Zeit (bei Erwachsenen 20-30 Min. bei Kindern sogar nach nur 5-7 Minuten) nimmt die Aufnahmefähigkeit ab. Folglich sind regelmäßige Pausen und Abwechslung in der Unterrichtsmethodik unbedingt notwendig. Dies können Sie erreichen, indem Sie zwischen dem Hausaufgabenvortrag und den neuen Stücken kleine Einheiten einbauen. Beispielsweise mit:

  • Notenschreiben
  • kleinen Arbeitsblättern
  • Instrumentenkunde
  • Rhythmen klopfen/ klatschen
  • Improvisationen
  • eigene Kompositionen

Da ein Vorschulkind noch aus dem Moment heraus lernt, braucht es viel Unterstützung der Erwachsenen. ABER es gilt der Grundsatz: So viel Einmischung wie nötig, so wenig wie möglich. Das, was ein Kind selber tun kann, muss es auch allein tun dürfen!

7. Übe-Strategien entwickeln

Üben Sie mit den Kindern, selbst herauszufinden, was nicht klappt und finden Sie gemeinsam eine Lösung. Notieren Sie die sinnvollen Strategieansätze der Schüler gleich mit und helfen Sie ihm mit einer positiven Unterrichtsatmosphäre.

Fragen an den Schüler wären beispielsweise: „Was ist das Problem?“, „Was brauchst du zur Lösung?“, „Wie kann ich dir helfen?“

Probleme sollten genauestens in Teilaspekten beschrieben werden. Nur was man genau detailliert wahrnehmen und beschreiben kann, kann man auch detailliert üben. Wichtig dabei: Nicht nur das Resultat beurteilen, sondern den Weg dahin verbessern!

8. Üben mit guter Laune

Eine gute Atmosphäre im Unterricht ist ausschlaggebend.

Am Anfang sollte so geübt werden, dass für den Schüler keine Enttäuschung entsteht. Stattdessen sollte seine Motivation und sein Ehrgeiz geweckt werden – auch deswegen, damit er sich selbst zutraut, gewisse Schwierigkeiten und Probleme auch allein (und ohne uns Lehrer) in Angriff zu nehmen.

Wenn Sie von Anfang an sehen, dass es dem Schüler nicht gut geht, könnten Sie mit einem leichten Stück anfangen, das er sicher bewältigen kann. Die Wiederholung alter Stücke schadet nie und kann dem Schüler neuen Aufwind geben!

9. Differenzierung zwischen Kindern und Erwachsenen

Erwachsene Schüler bringen viele bereits entwickelte Fertigkeiten mit, die positiv für das Übe-Verhalten sind. Sie sind sich des Wertes, ein Instrument zu lernen, bewusst, sie haben sich selbst dazu entschieden (zahlen die Rechnungen) und üben deswegen meist von sich aus mehr. Ein weiterer Aspekt ist allerdings noch der, dass sie kognitiv wesentlich weiter entwickelt sind, viel methodischer üben und wissen, was sie lernen oder verbessern wollen. Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Man muss allerdings auch eine andere Form der Kommunikation auswählen und andere Übe-Strategien erarbeiten. Auch für Erwachsene sind Skizzenhefte unbedingt sinnvoll (man sollte sie nur nicht Hausaufgabenheft nennen, um negative Assoziationen aus der Kindheit zu vermeiden).

Muss Üben Spaß machen?

  • Üben ist eine vergleichsweise einsame Tätigkeit – versuchen Sie, den Kindern das Üben durch gezielte Rückmeldung (Wochenplan, Vorspiele) schmackhaft zu machen!
  • Viele Kinder wissen nicht genau, was sie zu tun haben – entwickeln Sie eigene Übetipps und –rezepte – möglichst klar und eindeutig!
  • Unsere Schüler sind zeitlich sehr ausgelastet – versuchen Sie ohne Druck, kleine regelmäßige Übe-Einheiten mit den Kindern in deren Woche zu integrieren.

Üben muss nicht, kann aber mit der richtigen Herangehensweise Spaß machen.

Harmonisches und kreatives Üben weckt die Motivation und auch die Lust der Kinder an der regelmäßigen Beschäftigung mit ihrem Instrument. Es liegt an uns Lehrern, diese Lust zu wecken und die Zeit, die unsere Schüler mit Üben verbringen, zu honorieren und mit unserer Hilfe und kreativen Ideen zu unterstützen.

Eva Rabak, M.A.

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Eva Rabak
Eva D. Rabak, M.A., studierte Instrumentalpädagogik (Hauptfach Klavier) an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und schloss ihr Masterstudium in Musikpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ab. Ergänzend ließ sie sich in Marburg zur Psychomotorikerin ausbilden und spezialisiert sich derzeit auf den Bereich "Psychomotorik und Sprache". Neben ihrer Tätigkeit als Pädagogin für Klavier, elementare Musikpädagogik und Veeh-Harfe an der Musikschule Oberhaching absolviert sie gegenwärtig eine Ausbildung zur Musiktherapeutin und befasst sich mit der Planung eines inklusiven Kinderchores/Ensembles in München. Seit dem Wintersemester 2016/2017 arbeitet sie am Institut für Musikpädagogik an der LMU München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen inklusive Musikpädagogik und Musikdidaktik sowie Musikpsychologie und körperorientierte Musiktherapie.